Fenster und Türen zu Russland aufgestoßen - Andreas Tretner

Erstellt: Montag, 25. August 2003 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 12. Juli 2014

Russische Literatur der Neuzeit beim Gespräch am Kamin

Der Hoyerswerdaer Kunstverein nutzte sein jüngstes Gespräch am Kamin, um seine Blicke auf die neueste Literatur Russlands zu richten. Damit nutzte man die Gelegenheit, die Fülle neuer Bücher kennen zu lernen, welche dieser Herbst anbietet, da Russland der Schwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist.

Als Referent wurde Andreas Tretner gewonnen - geworben und empfohlen von Fritz Mierau, dem langjährigen Freund der Hoyerswerdaer Kunstjünger und Russland-Kenner von europäischem Rang, und aus Berlin angereist. Als einer der bekanntesten Übersetzer russischer Literatur stammen zahlreiche Bücher - vor allem der jungen Generation jenes Landes - aus seiner Feder. Nach einem intensiven, längeren Rundgang durch die Brigitte-Reimann-Ausstellung, zu der sich der Literaturfachmann aus Berlin sehr begeistert äußerte, zauberte er aus seinem Rucksack einen Stapel Bücher, zu denen er an diesem Abend sprechen wollte.

Dies geschah jedoch nicht in einem trockenen, supergenauen Vortrag akademischer Gelehrsamkeit, sondern beinahe plaudernd erzählte er von seinen Begegnungen mit den Büchern, beschrieb bald hier, bald da den Lebensweg eines der Autoren, ließ dabei die russische Wirklichkeit nach 1990 aufleuchten, ohne sich in die Historie dieses Riesenlandes zu verlieren.

Dieser Erzählweise entsprechend gestaltete er den Abend zu einer Wanderung „zu Fuß" - wie er in Anlehnung an den Titel des jüngst erschienenen Buches „Von Berlin nach Moskau" formulierte - durch die jüngsten 15 Jahre russischer Literaturgeschichte, ohne die Zuhörer zu überfordern, ohne die Zahl der Titel und Autoren zu groß werden zu lassen, und doch bei jedem das Wichtigste zu erzählen - sei es aus der Vita des Autors oder zur Fabel eines Buches.

Da kam Wladimir Makanins „Underground oder ein Held unserer Zeit" zu Gehör, Wladimir Sorokins skandalumwitterte Romane nannte er ebenso wie Boris Akunins Bücher. Leider - so betonte er - sei die Anzahl der Schriftstellerinnen seltsam gering, bis auf das Genre der Kriminalromane, bei dem die Autorinnen führend seien und auch den außerrussischen Büchermarkt durchaus mitbestimmen. Für diesen Herbst sind auf dem Gebiet einige wichtige und sehr gute Bücher zu erwarten.

Doch nicht nur mit Geschichten zur Mafia, so bedrängend diese Erscheinungen auch in den Büchern angesprochen werden, sondern durchaus mit der gewohnten Vorliebe russischer Autoren für philosophische Themen und bedächtige Erzählweise überraschte der Referent seine Zuhörer und verstand es, sie neugierig zu machen auf jene Bücher, die nun nach Daniil Granin und Tschingis Aitmatow, nach Alexander Soltschenizin und Juri Trifonow und anderen erscheinen.

Diese und andere vertraute Namen wurden natürlich in der anschließenden Diskussion erwähnt, der Gast nannte neue Bücher von ihnen, referierte manches kurz oder gab Hinweise zu lesenswerten Erscheinungen, die demnächst von jenen auch bei uns erreichbar sind. Damit wurde dieser Abend nicht nur ein Geschenk für die Literaturfreunde, denn auch gesellschaftliche Wirklichkeit, leben und handeln in jenem weiten, kaum überschaubaren Land wurden nahe gebracht. Ein Abend, der Brücken zu erneutem Entdecken, zum Freudesuchen und zum Verständnis für die Partner im Osten errichtete.

Zur Verfügung gestellt durch: Sächsische Zeitung

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