Nach über 50 Jahren endet eine Ära

Erstellt: Donnerstag, 07. Oktober 2021 Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 07. Oktober 2021 Geschrieben von Uwe Jordan

Nach über 50 Jahren endet eine Ära

Der Kunstverein Hoyerswerda beschloss am Sonnabend, dem 2.Oktober, seine Selbstauflösung zum Jahresende 2021

Unter den Augen der Hoyerswerda-Neustadt-Schriftstellerin: Architekt Jens Ebert (links) hatte von 1977 bis 1984 von der reiferen Vorplanung bis zur Eröffnung das Haus der Berg- und Energiearbeiter Hoyerswerda zu verantworten; das HBE, die heutige Lausitzhalle. Er und seine Frau Monika besuchten zur 30-Jahr-Feier des Hauses im Mai 2014 auch die Brigitte-Reimann-Begegnungsstätte. Gastgeschenk: die Ebenholz-Zeichenschiene von Prof. Richard Paulick (maßgeblicher Planer von Hoyerswerda-Neustadt), die den Meister einst bis nach Shanghai begleitet hatte und das Signum der Paulick-Firma „Modern Homes“ trägt. Helene und Martin Schmidt vom Kunstverein freuten sich über die Gabe. Foto: Uwe Jordan Vom ersten Tage an war der Kunstverein Hoyerswerda untrennbar verbunden mit den Namen von Helene und Martin Schmidt. Ins Leben gerufen als zunächst loser Freundeskreis, später ergänzt um den Zusatz „der Künste und Literatur“, hatte sich dieser Zirkel an einem heute nicht mehr genau feststellbaren Tag, wahrscheinlich im Jahre 1964, gefunden: ein Treffen Gleichgesinnter, jederzeit offen für Interessierte unterschiedlichster Couleur, Überzeugungen, Anschauungen und künstlerischen Neigungen.

Öffentlichkeit als Credo

Er, nach der Wende 1990 umfirmierend zum Kunstverein Hoyerswerda, war eine Gemeinschaft, deren Credo Öffentlichkeit hieß, und die im reichlichen Halbjahrhundert ihres Bestehens mit einer unglaublichen Fülle von Angeboten Hoyerswerda kulturell geprägt hat wie kaum eine andere Gruppe. Wöchentlich; ja, meist sogar mehrmals wöchentlich, gab es Lesungen, Vorträge, Betrachtungen, Exkursionen; Gespräche; immer wieder Gespräche. Künstler von regionalem, nationalem und Weltrang wurden nach Hoyerswerda geholt; „Arrivierte“ gleichermaßen wie die, deren Stern erst noch am Aufgehen war und ist ... Glanzpunkte dessen, was der Verein für Hoyerswerda geschaffen hat, finden sich an vielen Stellen im Stadtbild: Da wäre die erst jüngst zum KunstBus-Wochenende am 14./15. August in sorgfältig ausgewählten Teilen im Schloss Hoyerswerda zu sehende große Brigitte-Reimann-Ausstellung, erstmals gezeigt zum 70. Geburtstag der Hoyerswerda-Autorin („Ankunft im Alltag“, „Franziska Linkerhand“) im Jahre 2003. Da wäre das Brigitte-Reimann-Denkzeichen im Park zwischen der Hoyerswerdaer Dr.-Wilhelm-Külz-Straße und dem Lausitz-Center, eingeweiht zum 80. Ehrentag der Literatin am 21. Juli 2013

Spaziergänge und Begegnungen

Da wären die mittlerweile nach hunderten zählenden Brigitte-Reimann-Spaziergänge, die seit der Erst-Auflage am 27. Juli 2002 Besucher der Stadt zu Originalschauplätzen der Brigitte-Reimann-(Tage-)Bücher führten – mit Lesung der entsprechenden Passagen. Da wäre die 2006 eröffnete Brigitte-Reimann-Begegnungsstätte an der Brigitte-Reimann-Straße 8, in unmittelbarer Nähe des Hauses, in dem die Schriftstellerin von Januar 1960 bis November 1968 wohnte; eingerichtet wie die original Reimann’sche Wohnung in der Liselotte-Herrmann-Straße 20; aber nicht als „Museum“, sondern eben Stätte der Begegnung und Forschung mit einem inhaltsreichen Archiv zu Brigitte Reimann ...

Soiree im November

Es fällt schwer, in wenige Zeilen zu fassen, was dieser Kunstverein, dessen Herz Martin und Helene Schmidt waren, für Hoyerswerda geleistet hat. Ja – aber warum ist denn hier ständig nur in der Vergangenheitsform die Rede vom Kunstverein und seinen Leistungen? Weil, ganz einfach und schmerzhaft, der Kunstverein am Sonnabend seine Selbstauflösung zum Jahresende 2021 beschlossen hat. Martin und Helene Schmidt werden, alters- und gesundheitshalber, ihre Ämter abgeben und in die Nähe ihrer Kinder ziehen. Ihr Werk fortführen kann niemand, denn auch die überwiegende Anzahl der Vereinsmitglieder ist in einem Alter, in dem man eine solche intensive Arbeit nicht leisten kann.
Es wird freilich kein sang- und klangloser Abschied. Im November soll an einem Sonnabend im Schloss eine Soiree stattfinden, auf der Freunde den Verein verabschieden und besonders den Schmidts Dank sagen. Wie das genau aussehen wird, darüber wird am 14. Oktober beraten. Vorstandsmitglied Angela Potowski hofft, dass viele Hoyerswerdaer und „Auswärtige“ sich im November zu Wort melden.

ZITAT: 

Die Auflösung ist unumstößlich. Aber sie tut weh, sehr weh. Der Kunstverein war doch ein großes Stück unseres Lebens. Angela Potowski, Vorstandsmitglied im Hoyerswerdaer Kunstverein

Im Schloss und in der Bibliothek

Die Brigitte-Reimann-Begegnungsstätte in ihrer jetzigen Form wird es mit dem Ende des Kunstvereins auch nicht mehr geben. Das Mehrfamilienhaus im Eigentum der Wohnungsgesellschaft wird zwar, entgegen einigen Gerüchten, definitiv nicht abgerissen, aber so wie bisher können die Räumlichkeiten nicht mehr bewirtschaftet werden. Das Archiv wird ins Schloss umziehen; „weggeworfen wird gar nichts“, stellt Angela Potowski kategorisch fest – auch wenn das mit finanziellem Aufwand verbunden sein sollte. Gespräche mit Museums-Chefin Kerstin Noack hat es dazu schon gegeben; ebenso mit Bibliotheks-Leiter Mladen Vukovic, ob in der Hoyerswerdaer Stadtbibliothek, die den Namen Brigitte Reimanns trägt, nicht ein Zimmer so eingerichtet werden kann wie die jetzige Wohnstube der Begegnungsstätte. Es wäre wohl ein angemessener Platz.

Wer mit einer Spende helfen möchte, den Erhalt des Erbes zu ermöglichen, möge das bitte auf das Konto des Hoyerswerdaer Kunstvereins tun (Ostsächsische Sparkasse Dresden):
DE31 8505 0300 3000 1010 03

 

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