Am Pfingstmontag, dem 1. Juni, wurde in Hoyerswerda am Reimann-Zeichen „Eine Rose für die Dichter“ niedergelegt.

Erstellt: Montag, 01. Juni 2020 Zuletzt aktualisiert: Freitag, 05. Juni 2020 Geschrieben von Uwe Jordan

Ein Bogen von Boccaccio zu Hoyerswerdaer Pappeln

Eine Rose für die Dichter“ – Erinnern an Autoren, die einst in der Stadt, im Ort lebten; ihn und die Welt literarisch geprägt haben. Seit 1996/97 ruft der deutschlandweit tätige Literaturlandschaften e. V. (Nordhorn/Altenburg) auf, am ersten Juni-Wochenende die Autoren zu ehren.

Von Anfang an dabei

Lesung "Eine Rose für die Dichter", im Zentralpark Hoyerswerda wird an die Dichter der Region erinnert. Mit Abstand, wie es sich zu "Corona-Zeiten" gehört. Vom ersten Jahr dieser Aktion an ist der Kunstverein Hoyerswerda dabei; seit 2014 an dem (am 21. Juli 2013 eingeweihten) Brigitte-Reimann-Denkzeichen im Park zwischen Lausitzhalle, Lausitz-Center und Dr.-W.-Külz-Straße, das auch am Pfingstmontag, dem 1. Juni, Ort des Geschehens war. Aber es wurden nicht nur Blumen gespendet, sondern es wurde, wie hier seit je üblich, aus Werken gelesen, die einen direkten Bezug zur Stadt, zur Region, haben.
Den Lese-Reigen eröffnete Ingrid Scholz mit einer Passage aus „Einen Mann fürs Leben“ von Waltraut Skoddow, in der die Hoyerswerdaerin an Brigitte Reimann erinnert – als jemanden, der viel Ärger in und mit Hoyerswerda hatte, zwar nicht viel erreicht habe, aber Respekt verdiene eben ob des Kämpfens auch in schier aussichtsloser Situation. Da schloss sich zwar ungesucht, aber um so passender an, was Helene Schmidt aus einem Brief von Brigitte Reimann an den Architekten Hermann Henselmann zitierte: zur Unvollkommenheit Hoyerswerdas, das so ganz anders geworden sei als es einst in den hehren Plänen aussehen sollte: „Ich sträube mich zuzugeben, dass andere das nicht sehen und nicht bedrückt sind“, nämlich von monotonen Typenbauten, -straßen und -wohngebieten. Zwar sei bei vollendeten Ensembles nichts mehr zu ändern, „aber es sollte doch möglich sein, bei den künftigen Wohnkomplexen nachzubessern“. Trage doch Architektur zum Lebensgefühl der Menschen nicht weniger bei als Literatur, Musik, Malerei, Bildhauerkunst, Philosophie ... –

Kein Vergleich von 1348 zu 2020

Ein ähnlicher Grundton durchzog auch den von Angela Potowski vorgetragenen Tagebuch-Eintrag Brigitte Reimanns vom 5. Juni 1969, gerichtet an Christa Wolf.
Überraschendes bot Christine Neudeck: Sie las aus Giovanni Boccaccios „Decamerone“, spielend zur Zeit der Pest 1348 in Florenz – nicht, um eine Parallele zur derzeitigen Covid-19-„Pandemie“ zu ziehen (beides ist ja ohnehin nicht zu vergleichen), sondern sie hatte die Episode ausgewählt, der Lessing knapp viereinhalb Jahrhunderte später (1779) fast wortwörtlich seine Ringparabel für „Nathan den Weisen“ entnehmen sollte – auch er ja ein Lausitzer Dichter. Bei Boccaccio heißt es: „Dass die Klugheit uns zum Heile gereichen möge, will ich ... an dieser Geschichte beweisen.“
Der Kunstvereins-Vorsitzende Martin Schmidt nahm diesen Satz auf und führte ihn zu Brigitte Reimanns „Ich bereue nichts, von dem, was ich getan habe, aber viel von dem, was ich gelassen habe“; wünschend, dass dieser Satz, der in einem Wasserlauf des Hoyerswerdaer Zentralparks zu lesen ist (leider von Metallbuchstaben-Dieben verstümmelt ...) Ermunterung für alle Hoyerswerdaer sein möge, etwas für ihre Heimatstadt zu tun und weniger zu lassen. Aber, so passend dies als Schlusswort gewesen wäre – es war es nicht, denn die Überraschung des Tages kam noch. Die Hoyerswerdaerin Christine Höher zog plötzlich ein handschriftliches Blatt hervor: Das habe ihr Waltraut Skoddow bei einer Lesung am 10. Mai 1989 im Centrum geschrieben; sie habe es erst jüngst wiedergefunden, und die Zeilen schildern doch so recht die Situation damals – nicht nur, aber besonders in Hoyerswerda, dessen eigentlicher Baum ja nicht die Wappen-Eiche war, sondern die auf Grund ihres schnellen Wuchses oft und gern gepflanzte populus – eindeutig-doppeldeutig: ist dies doch das lateinische Wort für (Staats-) Volk und ein Gehölz gleichermaßen – siehe unten.
Damit schloss sich der Kreis: literarisch, gesellschaftlich und rückkehrend zur anfänglich gelesenen Autorin. Doch es gab noch eine Überraschung: Timon Skoddow, Sohn der Hoyerswerdaer Autorin, seit vielen Jahren in Südamerika lebend und zufällig in der Stadt, weilte unerkannt unter den Gästen von „Eine Rose ...“ und war sehr angetan davon, wie das Andenken an seine Mutter hier lebendig geblieben ist. Eine zeitlose Rose, zur Freude und zum Nutzen all derer, die sie sehen mögen.

populus (*)

Pappeln haben nur ein Ziel
schnell hochzukommen.
Nach welcher Richtung sie neigen
bestimmt der Wind.
Dem plappern sie alles nach.
Da ist kein Ast,
der Anstoß geben könnte.
Nicht einen Hasen
schützen sie vorm Regen.
Sie gleichen sich alle.
Das einzige Ziel:
Schnell oben sein.
(Waltraut Skoddow, 10.5.89)
* = Titelzeile ergänzt vom Autor des Beitrages

Mit freundlicher Genehmigung von Sächsische Zeitung, Hoyerswedaer Tageblatt 

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