Michael Hamburger berichtet über seinen Vater Rudolf Hamburger

Erstellt: Dienstag, 19. November 2013 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 12. Juli 2014 Geschrieben von Christine Neudeck

Rudolf Hamburger - ein charismatischer Mensch, der nicht zu brechen war

Michael Hamburger Michael Hamburger liest aus den Aufzeichnungen seines Vaters Rudolf Hamburger über 10 Jahre Haft im sowjetischen Gulag, die er 2013 herausgab. Michael Hamburger wurde 1931 in Shanghai geboren, er war 1966-1996 Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin, außerdem ist er ein exzellenter Kenner Shakespeares. 
Es ist schon ein Unterschied, ob man ein Biografie nur einfach liest oder ob man einen Menschen, der mit dem Porträtierten eng verbunden war, ganz persönlich erlebt.
Rudolf Hamburger(1903-1980), war Architekt und arbeitete von 1959 bis 1963 als stellvertretender Leiter des Aufbaustabs in Hoyerswerda. Er war eine sehr charismatische Person, mit umfassender Bildung und einer ungebrochenen Lebensfreude, trotz aller Unbilden seines Lebens.
In dem Vortrag seines Sohnes Michael Hamburger wird der Abend zu einer wundervollen Begegnung mit Vater und Sohn gleichermaßen, zumal weitere Zeitzeugen sich teilweise weite Wege machten, indem sie von Cottbus, Kamenz, Bautzen, Peitz, Schwarze Pumpe oder Dresden anreisten, weil sie mit Rudolf Hamburger in Hoyerswerda zusammenarbeiteten und ihn bis heute schätzen. 
Das Buch enthält die Aufzeichnungen, die Rudolf Hamburger über die zehn Jahre seiner Inhaftierung in sowjetischen Arbeitslagern von 1943 bis 1953 erst in den siebziger Jahren niederschrieb, diese aber zu Lebzeiten nicht veröffentlichen konnte. Sein Sohn hat dies nun übernommen und man erfährt von einem Leben zwischen Ideologien und Diktaturen, zwischen Menschsein und Dahinvegetieren, zwischen Durchhalten und Aufgeben. Zehn Jahre, über die Rudolf Hamburger nur geschrieben, nicht gesprochen hat, geschrieben in einer sehr poetischen Sprache, ohne Hass und voll Wärme für Mitgefangene.
Rudolf Hamburger hatte Architektur studiert, unter anderem bei Hans Poelzig in Berlin, wo er Richard Paulick kennen lernte. Wegen fehlender Aufträge folgte er 1930 einem Ruf nach Shanghai und errichtete dort mehrere spektakuläre Bauwerke, die in China bis heute den Beginn der Moderne bedeuten. Auf Grund der Tätigkeit seiner Frau Ursula, geb. Kuczynski, späterer Künstlername Ruth Werner, wurde er aktiv in die Spionage - Arbeit für den Geheimdienst der Roten Armee in China eingebunden, was durchaus seinen Überzeugungen als Kommunist entsprach. Das Buch erzählt von der Odyssee, die nach der ansonsten schon spektakulären Arbeit für einen Geheimdienst noch viel dramatischer wurde. Als vermeintlicher Doppelagent wird er 1943 verhaftet, er wird tausende von Kilometern durch Stalins Sowjetunion als Gefangener reisen und tausende von Tagen unter unmenschlichen Bedingungen bei schwerer Arbeit, bei Grütze, trocken Brot und Kohlsuppe durchhalten, bis er die "zehn Jahre Lager" abgesessen hat, "die einem 58er, einem Politischen zustehen".
Mit Hilfe von Richard Paulick kommt er 1955 nach Berlin zurück und hat seinen Hauptwohnsitz bis zu seinem Tod in Dresden. Es ist kaum zu glauben, dass ein so sensibler Mensch nach all den Jahren seinen Glauben an das Gute im Menschen und seine Überzeugungen nicht verloren hat. Denn der letzte Satz seiner Aufzeichnungen, als er nach seiner Entlassung bei der Bäuerin Galja in der Nähe von Rostow lebt, lautet: So ist das Leben wie im Märchen. Das Gewöhnliche wird zum Wunderbaren.
Das Buch "Rudolf Hamburger- Zehn Jahre Lager- Als deutscher Kommunist im sowjetischen Gulag" ist im Siedler-Verlag erschienen. (19,99 €)

Ein Schwesternwohnheim in Shanghai, Architekt Rudolf Hamburger Rudolf Hamburger mit Ursula Hamburger (Ruth Werner) und Sohn Michael in Shanghai Rudolf Hamburger (2. v.r.) im Gespräch mit Thomas Delling, Friedhelm Schulz und Martin Schmidt.

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