Vortrag von Andreas Pallmer zu Gottfried Wilhelm Leibniz

Erstellt: Donnerstag, 30. Januar 2020 Zuletzt aktualisiert: Dienstag, 04. Februar 2020 Geschrieben von Christine Neudeck

Das Tun des Guten als höchstes Gut der Freiheit

Andreas Pallmer spricht beim Hoyerswerdaer Kunstverein über Gottfried Wilhelm Leibniz Es ist immer wieder des Staunens wert, wenn von Gelehrten berichtet wird, die lange vor unserer Zeit Dinge gedacht haben, die heute aktueller sind denn je. In diesem Sinn war Andreas Pallmer, Oßling, zu Gast beim Hoyerswerdaer Kunstverein mit einem Vortrag über Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), zum Thema "Wie Leibniz und das Denken der Aufklärung zum Auftrag in der Gegenwart wird".
In einem gut gegliederten Vortrag brachte Andreas Palmer den Zuhörern eine Reihe von komplexen philosophischen Überlegungen allgemeinverständlich nahe. Mit Leibniz beginnt eine Renaissance Aufklärung auf allen Gebieten der Wissenschaften, man nennt Leibniz zu recht den letzten Universalgelehrten. Sein umfangreiches Wissen, seine Denkansätze in der Mathematik und in der Mechanik, seine technischen Erfindungen, seine medizinischen und philosophischen Überlegungen verblüffen bis heute.
Der Schwerpunkt des Vortrages von Andreas Pallmer war den philosophischen Konzepten gewidmet, wozu folgende Thesen gehören: Erstens, jeder Mensch besitzt die Fähigkeit zur vernünftigen Lebensführung, wenn Religion und Vernunft übereinstimmen, entsteht eine wahrhafte Religion. Zweitens, das von Gott Geschaffene ist gut, es herrscht kein Chaos, es herrscht eine strukturierte Ordnung. Drittens: Gott ist weise und vernünftig, aus den Worten theos für Gott und diké entsteht der Titel für Leibniz philosophische Schrift "Theodizee", was so viel wie die Rechtfertigung Gottes heißt.
Anlass für diese Schrift waren die Gespräche zwischen Leibniz und Sophie Charlotte, die Ehefrau von Friedrich I. in Preußen, der sich selbst 1702 zum König krönte und Sophie Charlotte so zur Königin in Preußen wurde. Sie hielt sich äußerlich an die Konventionen des preußischen Königshofes, zog sich aber nach Schloss Lietzenburg (später Charlottenburg) zurück und nahm sich im Denken alle Freiheiten, die sie für angemessen hielt. So wurde Leibniz, den sie vom Hof in Hannover kannte, ihr gewünschter Gesprächspartner und Mitstreiter bei der Gründung der Berliner Akademie der Künste und der Akademie der Wissenschaften, die bis heute existieren.
Als Einstieg lesen Doris und Manfred Richter, Oßling, einen Dialog zwischen Leibniz und Sophie Charlotte, in dem die Königin kluge Fragen stellt, die Leibniz zum Nachdenken und zu wohl überlegten Antworten zwingen: Wieso nennen Sie Gott weise und vernünftig, wenn er doch so viele Übel in der Welt zulässt? Sie sagen doch selbst, Gott ist die Vernunft an sich, warum gebraucht er sie dann nicht und lässt das Übel zu? Wenn Gott schon seine Vernunft nicht gebraucht, wie wollen Sie dann den Menschen daraus einen Vorwurf machen? Wozu lässt Gott ein Volk über das andere herfallen? Wenn Gott einen so guten Anwalt braucht, wie Sie, muss es schlecht um ihn stehen.
Als Sophie Charlotte 1705 mit 36 Jahren stirbt, ist es Leibniz ein Bedürfnis, die Gespräche mit ihr schriftlich fortzusetzen, indem er seine daraus erwachsenen Erkenntnisse in der "Theodizee" niederschreibt - von der Güte Gottes, von der Freiheit des Menschen und vom Ursprung des Übels. Hätte Gott nicht das Übel geschaffen, könnte der Mensch das Gute nicht erkennen, denn das Übel hat ein physikalisches, ein theologisches und ein moralisches Prinzip. Alle dienen der Vervollkommnung des Menschen, dessen Aufgabe es ist, das Gute zu erkennen, um besser zu werden.
Der Mensch unterliegt den physikalischen Gesetzen der Natur, diese besitzt eine unendliche Vielfalt, ist aber nicht perfekt, somit kann auch der Mensch nicht perfekt sein. Die Schöpfung ist demnach unvollkommen, aber nur aus unserer Sicht, denn alles Geschaffene ist gut, es gibt kein Chaos, sondern eine strukturierte Ordnung, das Übel ist eine moralische Notwendigkeit der Schöpfung. Hätte Gott das Übel nicht geschaffen, könnte der Mensch das Gute nicht erkennen, dazu ist ihm Vernunft gegeben, die ihn frei macht, ihm aber gleichzeitig die Pflicht auferlegt, das Gute zu erkennen und zu tun. Damit, sagt Leibniz, habe Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen und den Menschen für sich selbst und für die Welt verantwortlich gemacht. Er trägt die Verantwortung für sein Handeln, nicht Gott. Der Mensch hat sich zu jeder Zeit vor der Schöpfung zu rechtfertigen, womit wir in der Gegenwart angelangt wären.
Für viele Philosophen wurde Leibniz Anlass zu einem wissenschaftlichen Diskurs. Gotthold Ephraim Lessings "Die Erziehung des Menschengschlechts" wäre zu nennen oder Immanuel Kant. Bei Kant führte die Auseinandersetzung mit Leibniz zu den Schriften um den "Kategorischen Imperativ" - du sollst deine Handlungen den allgemeinen Gesetzen der Ethik unterwerfen - was durchaus als moralische Essenz aus der "Theodizee" zu verstehen ist
Zum Weiterlesen empfiehlt Andreas Pallmer die "Theodizee" selbst, aber auch Eike Christian Hirsch aus dem Jahr 2000 "Der berühmte Herr Leibniz" oder von Wenchao Li - "300 Jahre Essais de Théodicée - Rezeption und Transformation".

Doris und Manfred Richter lesen den Dialog zwischen Leibniz und Sophie Charlotte, Königin in Preußen.   

 

 

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