Das junge China mit neuen Ideen auf alten Pfaden, Jörg Endriss und Sonja Maaß lesen im Rahmen der Grenzgänger Gespräche der Robert-Bosch-Stiftung

Erstellt: Freitag, 01. November 2019 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 16. November 2019 Geschrieben von Christine Neudeck

Das junge China mit neuen Ideen auf alten Pfaden

Grenzgänger Gespräch der Robert-Bosch-Stiftung beim Hoyerswerdaer Kunstverein mit
Sonja Maaß und Jörg Endriss zu dem Buch "ChinaKInder". Mirko Schwanitz moderiert.

Jörg Endriss, Sonja Maaß, Mirko Schwanitz (von rechts). Gespräch mit Sonja Maaß (links) bei dem Signieren der Bücher Zwei junge Journalisten aus Deutschland fassen in Poesie, was ihnen junge Menschen in China erzählten, es entsteht eine so genannte Protokollliteratur. Die Autoren heißen Jörg Endriss (*1973) und Sonja Maaß (1976). Mirko Schwanitz moderiert mit besonderer Sachkenntnis, da er erst kürzlich das Land mit seinem dort lebenden Sohn erkundete.
In ihrem Buch "ChinaKinder" haben die Autoren ein weit gefächertes Mosaik von 30 Porträts junger Chinesen zusammen gestellt, sind dazu durch das riesige Land gereist, haben Peking besucht, die alte Mongolei, waren in Tibet, in der Mitte des Landes mit den Großstädten Xi'an, Chongqing und Zhengzou, sind an der Ostküste entlang von Shanghai über Taipeh bis Honkong gekommen und waren in den Grenzgebieten zu den südasiatischen Staaten unterwegs. Nun kann man natürlich meinen, wie können 30 junge Leute ein Volk von 1,3 Milliarden repräsentieren? Ziemlich gewagt! Doch wer das Buch gelesen hat, ist erstaunt, welche Vielfalt sich allein in diesen Porträts widerspiegelt.
Jörg Endriss kommt aus der Nähe von Stuttgart und ist Journalist beim Rundfunk. Seit 1994 hat er China mehrfach besucht, dort studiert und gearbeitet. Sonja Maaß, geboren in Elmshorn, studierte in Hamburg Sinologie und arbeitete mehrere Jahre an Hochschulen in China und Taiwan. Ihrer beiden Neugier gilt den jungen Menschen, die das China der nächsten Generation gestalten werden.
Chinas Kinder wachsen in einem straff organisierten Bildungssystem auf. Bereits in der Grundschule lernen sie mindestens 3000 Zeichen der chinesischen Sprache lesen und schreiben. Insgesamt kennt die chinesische Sprache etwa 40 000 Zeichen, von denen heute noch etwa ein Viertel verwendet wird. Den meisten Druck üben die Eltern aus, die für ihre Kinder nur dann Zukunftschancen sehen, wenn sie die Oberstufe erreichen und mit einer Studienzulassung abschließen, dem gefürchteten Gaokao. Die erreichte Punktzahl entscheidet über die Qualitätsstufe der Universität, an der sie studieren dürfen. Freie Wahl somit nicht immer möglich.
Die Autoren lesen die Porträts von vier ihrer Protagonisten vor. Zu ihnen gehört eine junge Frau von 23 Jahren, Li Xue, sie lebt in Peking und ist das zweite Kind von Eltern, die gehbehindert sind. Sie darf als zweites Kind entsprechend der Ein-Kind-Regelung keine Papiere erhalten, keine Schule besuchen, keinen Arzt aufsuchen, bekommt keinen Job und, und, und. Seit 23 Jahren kämpfen ihre Eltern und sie selbst, sie hat bei ihrer Schwester Lesen und Schreiben gelernt, vergeblich um dieses Papier, den Hokou. Erst ein halbes Jahr nach dem Interview bekommt sie nach Lockerung der Gesetze endlich dieses Papier, was sie aber vor neue Herausforderungen stellt, Schulabschlüsse und Ähnliches sind nachzuholen.
In einem andren Interview ist zu hören: "Unsere Generation zeichnet sich aus, dass wir eine eigene Meinung haben. Uns werden Dinge wie Frauendiskriminierung bewusst. Ich glaube, wir können China besser machen."
Viele Dinge tun junge Menschen heute einfach gegen die Regel. Mädchen reisen allein durchs Land, Studenten nehmen sich eine Auszeit während des Studiums und vor allem danach, reisen gut gebildet rund um die Welt.
Ein trauriges Kapitel ist das Leben der Wanderarbeiter, sie leben förmlich in Ketten, sind gebunden an Produktionsmenge und Qualität, erhalten nur wenig Lohn, "zwei Füße, immer unterwegs, und wieder der Versuch, sich mit dem Leben zu versöhnen".
Interessant liest sich auch der Bericht des jungen Kernphysikers Liu Jilin. Er wurde Parteimitglied, weil die Partei für ihn den fortschrittlichen Menschen repräsentiert. Es gibt genug Probleme, die zu lösen sind, das Gefälle zwischen Arm und Reich, Fragen von Gerechtigkeit und Wirtschaftswachstum, Fragen zu Demokratie und Meinungsfreiheit. Wenn man das liest kann man ahnen, dass sich die Partei mit der nächsten Generation mehr und mehr der Demokratie wird öffnen müssen Ob allerdings das Ein-Parteien-System abgeschafft wird, bleibt fraglich.
Alles in allem vermittelt das Buch "ChinaKinder" ein Gespür dafür, dass die Jungen das Land gut gebildet weiterführen und die 5000 Jahre alte Geschichte ihres Landes nicht vergessen werden. Eltern und Familie bleiben ein zentraler Punkt des Lebens, aber ohne Druck. Ihre Kinder sollen ihren Platz im Leben freier wählen, ihre Träume verwirklichen und ihre Jugend fröhlich genießen können.

 Mit freundlicher Genehmigung von Sächsiche Zeitung, Hoyerswerdaer Tageblatt.

 

 

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