Manfred Dietrich: Als Andalusien das schönste Land Europas war.

Erstellt: Mittwoch, 23. Mai 2018 Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 30. Mai 2018 Geschrieben von Christine Neudeck

Andalusien - viele Völker, viele Religionen, eine Hochkultur

Manfred Dietrich, Schwepnitz, erzählt von einer Zeit, als Anadalusien das schönste Land Europas war.

Manfred Dietrich als Referent beim Hoyerswerdaer Kunstverein 2018 Weit gereist ist nicht gleich weit gereist. Der oberflächliche Weltenbummler weiß, wie das Wetter war, weiß, ob das Essen mundete oder welche Attraktionen er in anderen Ländern erlebt hat.
Einer, wie Manfred Dietrich, erfasst eine fremde Region mit allen Sinnen, hinterfragt die Geschichte und spürt der Geisteshaltung eines Volkes nach, indem er die Details erforscht. Sein Wahlspruch lautet: Wer die Welt anschaut, ändert seine Weltanschauung.
An diesem Abend verführte er die Zuhörer beim Hoyerswerdaer Kunstverein zu einer sehr innigen Sicht auf Andalusien, das einst das schönste und volkreichste Land Europas war.
Nachhaltig geprägt wird die Landschaft Andalusiens von dem "großen Fluss", dem Guadalquivir, der mit vielen Nebenflüssen für reichlich Wasser sorgt und damit eine fruchtbare Landschaft im Süden Spaniens entstehen lässt. Umgeben ist Andalusien außerdem von zwei großen Meeren, vom Atlantik und vom Mittelmeer, dazwischen die Straße von Gibraltar. So blieb es nicht aus, dass dieses Gebiet bei allen umliegenden Völkern Begehrlichkeiten weckte. Hier siedelten schon hunderte Jahre vor der Zeitrechnung Phönizier, Karthager und Griechen, später Römer, Vandalen, Juden, Mauren und Christen. Meist löste einer den anderen wegen der größeren militärischen Stärke ab. Alle brachten ihr Wissen, ihre Kultur und vor allem ihre Architektur in die großen Städte mit, was wir heute noch ehrfürchtig bestaunen können.
Zur größten Blüte gelang Andalusien nach dem Jahr 711 unter den Mauren, besonders unter den Kalifen Rahman I. und Rahman III. mit dem Hauptsitz Cordoba.
Maurische Rundbögen und Gewölbe der Mesquita-Catedral in Corduba Unter ihrer Herrschaft lebten Muslime, Juden und Christen fast 800 Jahre friedlich nebeneinander. Andalusien wurde groß und reich. Das hatte 1492 mit der Eroberung Spaniens durch die kathloschen Könige ein Ende.
Die Stadt Cordoba ist heute die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Zur Zeit Rahman I. hatte die Stadt 300 000 Einwohner, es gab 500 Moscheen, 600 öffentliche Bäder, unzählige Schulen und Gärten, in denen die vielfältigsten Brunnen und Wasserspiele für ein angenehmes Klima sorgten.
Die Mesquita-Catedral ist wohl das berühmteste Gebäude dieser Stadt, einst eine Moschee, heute römisch-katholische Kathedrale, mit einem Publikumsstrom von 8000 Besuchern am Tag. Überwältigend der Eindruck der in alle Richtungen angeordneten maurischen Rundbögen und Gewölbe, in den Farben beige und rot, mit phantasievollen islamischen Ornamenten, arabischen Schriftzeichen, goldenen Kuppeln und Bildhauerarbeiten in feinster Qualität. Es entstehen Räume, die Paradies und Unendlichkeit überaus lebendig ahnen lassen. Die "Lichtinstallationen", die wir heute mit künstlichem Licht schaffen würden, ergeben sich allein aus einer sinnvollen Symbiose von oberen und seitlichen Lichtöffnungen.
Karl V. soll bei seinem Besuch 1526 in Cordoba bereut haben, dass er eine Kathedrale in die Moschee hatte einbauen lassen. "Ihr habt getan, was möglich war, etwas erbaut, was es andernorts schon gibt, und dafür habt ihr etwas zerstört, was einmalig war." Zum Glück ist ein großer Teil der Moschee erhalten und zeugt bis heute von dieser einmaligen Kultur. Ein Blick in die Kuppeln von Moschee und Kathedrale gibt Karl V. recht, die Kuppel der Kathedrale will bewundert werden, Kuppel und Gebetsnische der Moschee verzaubern.
Zeugnis islamische Bildhauerkunst Cordoba erinnert auch heute noch an die vielfältigen Einflüsse, es finden sich Statuen von berühmten jüdischen, arabischen und römischen Gelehrten, von Malern und Dichtern.
Weitere berühmte Städte, wie Sevilla und Granada gehören ebenfalls zu den Sehenswürdigkeiten Andalusiens. 
Sevilla ist die Hauptstadt der heutigen Provinz Andalusien. Berühmt sind der maurische Palast Alcásar und die gotische Kathedrale, in der Columbus begraben liegt. Sichtbares Zeugnis der Anwesenheit von Christen und Muslimen ist das zum Glockenturm umgebaute Minarett an der Kathedrale.
Garanda wiederum lockt mit der unter den Mauren erbauten "Alhambra" die Besucher an. Diese Festungsanlage ist fast ursprünglich erhalten, es gibt Königspaläste, unter anderen auch einen von Karl V. , paradiesische Gärten mit vielen Wasserbecken und Innenhöfe mit maurischen Kreuzgängen  zu erleben. 1492 hatte hier Muhamed XII. die Anlage anlässlich der Hochzeit der Königin Isabella von Kastilien mit König Ferdinand II. von Aragon übergeben müssen. Und man glaubt es kaum, die Festung wurde nicht geschleift. 
Innerhalb der Mauern der Alhambra im Löwenhof ist der berühmte Löwenbrunnen zu sehen: zwölf Löwen tragen ein zwölfeckiges Wasserbecken, sehr feine, fast moderne Bildhauerkunst in Marmor. Symbol für die zwölf Stämme Israels? 
Die Geschichte Andalusiens ist aber auch verbunden mit Pogromen gegen Christen und Juden kurz vor 1492 und mit Pogromen gegen Muslime nach 1492. Die Blütezeit Andalusiens ist vorbei, was uns heute ganz aktuell erinnern sollte, dass nur Vielfalt und Toleranz zu einer Hochkultur führen, alles andere bedeutet Niedergang. 
Wenn einer der Zuhörer dieses Abends demnächst nach Andalusien kommt, wird er sich dankbar an Manfred Dietrich und seinen Blick auf die Geschichte anderer Völker erinnern.

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