Abschied von Fritz Mierau

Erstellt: Freitag, 11. Mai 2018 Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 14. Juni 2018 Geschrieben von Martin Schmidt

Abschied von einem Gesprächspartner und Literaturmittler

Fritz Mierau 2007 beim Hoyerswerdaer Kunstverein Zu Beginn seiner Veranstaltungstätigkeit vor 50 Jahren fand Freundeskreis der Künste und Literatur (heute Hoyerswerdaer Kunstverein e.V.) Kontakt zu dem damals jungen Slawisten Fritz Mierau. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR stellte dem Hoyerswerdaer Freundeskreis als erstes Issak Babels „Reiterarmee“ vor. Der 1934 in Breslau geborene und in Döbeln aufgewachsene Kenner der russischen Literatur fand Freude an Gesprächen mit Menschen ganz anderer Berufe. Er erfreute die Lesenden, da er niemals den Inhalt eines Buches wiedergab, sondern spannend, locker, aber Detail getreu von der Entstehungszeit eines Buches, vom Leben der Autoren berichtete und auf die Weise Neugier für Bücher und Zeit weckte. Es wurde zur Gewohnheit, dass Fritz Mierau jede abgeschlossene Arbeit oder auch von ihm neu entdeckte Bücher im Freundeskreis zur Diskussion stellte. Dazu gehörten beispielsweise Anna Achmatowa, Ilja Ehrenburg, Sergei Jessenin, Ossip Mandelstam, Boris Pasternak, Sergej Tretjakow, Juri Tynjanow, Marina Zwetajewa, und seine bewundernswerten Wiederentdeckungen: Pawel Florenski, der Priester- Naturwissenschaftler und Dichter, dessen Gesamtwerk er herausgab, und die Bibliographie des Schriftstellers, Ökonom und Politikers Franz Jung. Fritz Mierau war ein von vielen bewunderter Mittler. Die bedeutenden russischen Dichter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte er Liebhabern russischer Literatur nah –„Zwölf Arten die Welt zu beschreiben“ Essays (1988), schenkte Einblick ins Zeitgeschehen - seiner Größe und Tragik - „Russen in Berlin“ 1918 -1933. (1988). Fast jährlich besuchte er Hoyerswerda, erzählte von neuen Büchern und hörte staunend von dem, was hier geschah, obwohl er die Industriealisierung in der Sowjetunion mit ihren ganz anderen Dimensionen kannte. In seiner Autobiographie „Mein russisches Jahrhundert“ (2002) erzählt er nicht nur von seinem Leben, sondern verlockt zum Lesen der russischen Literatur, um jenes Volk zu verstehen. Im Gästebuch beschrieb er die Begegnungen in Hoyerswerda mit dem Zitat eines russischen Autors „….kein spießerisches Kichern und keine intellektuelle Klugscheißerei…“.
Am 29 April 2018 starb Fritz Mierau in Berlin. Der Hoyerswerdaer Kunstverein dankt seinem unvergessenen Gesprächspartner herzlich für das sanfte, kundige Fördern des Interesses für die Literatur eines großen Volkes. 

Fritz Mierau mit seiner Frau Sieglinde 2009 beim Hoyerswerdaer Kunstverein mit einem Essay zu dem Maler und Dichter Maximilian Woloschin Fritz Mierau 1976 beim Freundeskreis der Künste und Literatur in Hoyerswerda Fritz Mierau, Bildmitte, 2006 in Hoyerswerda Fritz Mierau, Mitte, immer ein gesuchter Gesprächspartner.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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