Im Rahmen der GrenzgängeR - Gespräche der Robert Bosch Stiftung liest Olga Grjasnowa aus ihrem Roman: Der Russe ist einer, der Birken liebt.

Erstellt: Freitag, 04. Mai 2018 Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 10. Mai 2018 Geschrieben von Christine Neudeck

Wie fühlt sich die Fremde an?

Im Rahmen der GrenzgängeR - Gespräche der Robert Bosch Stiftung liest Olga Grjasnowa (* 1984). Mirko Schwanitz moderiert.

Olga Grjasnowa liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein, 2018 Es ist fast ein Gang durch die Geschichte menschlicher Befindlichkeiten in aller Herren Länder, den Olga Grjasnowa in ihrem Roman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" unternimmt. In kurzen knappen Einspielungen, fast wie in einem Film, erlebt der Leser die Protagonistin Mascha Kogan in einer unvollkommenen Welt. 
Vieles aus der eigenen Biografie gibt die Autorin dieser Mascha mit auf den Weg. Olga Grjasnowa erlebte mit elf Jahren den Völkermord hautnah in Baku in Aserbaidschan. Mithilfe eines Visums als "Kontingentjuden", die Mutter ist Jüdin, der Vater Russe, konnte die Familie nach Deutschland fliehen. Mischehen, wie die ihrer Eltern waren in Aserbaidschan beinahe die Norm. Doch in den Wirren des plötzlich aufkommenden Nationalismus um die Enklave Bergkarabach zwischen Aserbaidschan und Armenien gibt es keine Normalität mehr. Die Familie Grjrasnow gehört nunmehr zu den Unerwünschten. Hass, Gewalt und sinnloses Töten bestimmen den Alltag. Noch Jahre später werden die Überlebenden von Angstträumen verfolgt, gegen die sie sich nicht wehren können.
Das betrifft auch das Kind Olga. Frankfurt am Main wird nach der Flucht ihr neues Zuhause. Hier allerdings ist sie wiederum eine Fremde. Sie lernt die Sprache schnell, und wie man ihren Büchern anmerkt, spricht sie ein wunderbares Deutsch. Sie studiert an verschiedenen Universitäten und beherrscht inzwischen mehrere Sprachen, unter anderem auch Arabisch. 
Mirko Schwanitz begleitet bei den GrenzgängeR-Gesprächen der Robert-Bosch Stiftung die Autorin Olga Grjasnowa Im Roman wohnt Mascha Kogan ebenfalls in Frankfurt, sie ist eine sensible junge Frau, die aus Baku stammt, die die Vergangenheit nicht vergessen kann und als ihr Geliebter, Elias oder auch Elischa, nach einem Sportunfall stirbt, kann sie mit diesem Verlust nicht umgehen. Fluchtartig verlässt sie Deutschland und nimmt eine Arbeitsstelle bei einer deutschen Organisation in Israel als Übersetzerin ins Russische an. Russisch ist ihre Muttersprache, der Abstammung nach ist sie Jüdin, denn die Mutter ihrer Mutter überlebte den Holocaust in Weißrussland und konnte als kleines Mädchen mit ihrem Bruder nach Baku fliehen. 
Maschas Freunde in Frankfurt sind, ebenso wie sie, keine Alteingesessenen. Elias kommt aus Thüringen, dem Osten Deutschlands, der Freund Cem aus der Türkei und Sami spricht den wunderbar weichen libanesischen Dialekt. Allen gibt Olga Grjasnowa in dem Roman ein unverwechselbares Gesicht, mit ihren kulturellen und emotionalen Eigenarten, in Deutschland heimisch und zugleich fremd.
Mascha, die Unangepasste, übertüncht nach dem Tod von Elischa ihre psychischen Attacken mit Coolness, ganz bewusst auch in sexueller Hinsicht. Das setzt sich fort, als sie in Israel auf Ori und seine Schwester Tal trifft, zu beiden entsteht ein freundschaftliches und auch ein sexuelles Verhältnis. Wie sie bei näherem Kennenlernen erfährt, vertreten beide unterschiedliche Standpunkte zur Politik in ihrem Staat, obwohl beide das Land Israel lieben, beide eine offene jüdische Gesellschaft wünschen. In kurzen prägnanten Sätzen erfährt der Leser sehr viel über diese Zerrissenheit. Ori ist Schreiner, er ist ein Befürworter des heutigen Israel, deshalb im Dauerstress mit seiner Schwester, er vertritt eine gemäßigte jüdische Philosophie und möchte mit der Schwester einen gemeinsamen Standpunkt finden: "Können wir nicht mal ein einziges Gespräch führen, bei Olga Grjasnowa signiert ihre Bücher beim Hoyerswerdaer Kunstverein 2018 dem wir nicht gleich den ganzen Zionismus und die Geschichte Israels verhandeln müssen?" Tal dagegen arbeitet in einer Organisation, die über die unmenschlichen Aktivitäten der israelischen Armee in den besetzten Gebieten aufklären will: "Ich denke, dass sich unsere und die palästinensische Kultur grundsätzlich unterscheiden. Es gibt keine Frauenrechte in der arabischen Kultur, und sonst läuft da auch so viel Scheiße ab. Mir geht es um mein Land. Ich liebe mein Land, aber nicht den Zustand, in dem es sich befindet. Ich möchte in einem freien und demokratischen Staat leben." Der Konflikt bleibt offen. 
Auch der Schluss des Buches, in dem der Satz der Großmutter während der Pogrome in Baku wie ein Menetekel drei Mal zu lesen ist "Alles wiederholt sich...", zeugt von Ohnmacht. Doch andererseits lässt Olga Grjasnowa in ihrem Roman eine winzige Hoffnung auf Änderungen im Sinne der Menschlichkeit zu, die von einer neuen Generation ausgehen wird, in der der Fremde kein Fremder mehr ist. Sie schließt mit den Worten: Die Sonne ist schon fast untergegangen, aber es ist noch hell.  
Es lohnt sich auf alle Fälle, dieses Buch zu lesen. Nur schade, dass das Gespräch am Ende des Abend so sehr auf den Begriff Heimat fokussiert war und das Anliegen des Buches dadurch in den Hintergrund geriet.

Leon-Foucault-Gymnasium am Vormittag: Olga Grjasnowa liest vor Schülern

Olga Grjasnowa liest vor Schülern einer 10. Klasse am Leon-Foucault-Gymnasium in Hoyerswerda, 2018 Olga Grjasnowa, geboren ist sie in Aserbaidschan, liest aus ihrem Buch "Der Russe ist einer, der Birken liebt", vor Schülern einer 10. Klasse. Sie beginnt ihre Lesung mit einem Gespräch über das Fremdsein. Alle anwesenden Schülerinnen und Schüler äußern sich erstaunlich klug zu ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit Ausländern und mit Ausgrenzungen aller Art, auch über das eigene Empfinden von Fremdsein im ganz alltäglichen Umgang in der Schule und anderswo. Auch von der Schwierigkeit, sich gegen den Mainstream der Erwachsenen zu stellen, ist zu hören.
So ist es wertvoll, wenn junge Schriftsteller vor Schülern lesen und diese dadurch erfahren, dass die Kunst des Schreibens von guten Büchern noch nicht ausgestorben ist und sie sich in der "jungen" Literatur wiederfinden können.
Ein großes Lob gebührt hier dem Direktor des Foucault-Gymnasium, Herrn Uwe Blazejczyk, und seinem Kollegium, die regelmäßig die Lesungen der Reihe GrenzgängeR der Robert-Bosch-Stiftung für wichtig erachten. Bisher kamen bereits junge Autoren, deren Bücher über Kroatien, Polen, Weißrussland, Bulgarien, die Slowakei, Tschechien und Rumänien erzählen, und immer waren die Gäste erstaunt, wie aufmerksam und neugierig die Schüler reagierten.

 

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