Ausstellungseröffnung Karl-Heinz Hochstädt in der Galerie des Kraftwerks Schwarze Pumpe

Erstellt: Samstag, 21. Oktober 2017 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 21. Oktober 2017 Geschrieben von Martin Schmidt

Weltsicht

Eine Ausstellung mit künstlerischen Arbeiten von Karl-Heinz Hochstädt

Karl-Heinz Hochstädt, Selbstbildnis 2015 Seit vor zwanzig Jahren das damals modernste Braunkohle-Großkraftwerk in Schwarze Pumpe ans Netz ging, wirkt es in zweifacher Weise als Energiespender: Einerseits durch Elektroenergie, die möglichst schadstoffarm produziert wird. Zum anderen durch die in den freien Räumen gestalteten 40 Wechsel- Kunst-Ausstellungen mit Werken zeitgenössischer bildender Künstler. Dieses Angebot fordert heraus, sich mit moderner Kunst zu beschäftigen, regt an zum Nachdenken und zum Gespräch über die Grenzen der Berufe hinweg. Dies schenkt Phantasie und Energie zu neuem Gestalten. Für diese zweifache Möglichkeit sei den Leitern und ihren Mitarbeiter/Innen herzlich gedankt. Karl-Heinz Hochstädt, Kunsterzieher und Maler, ist diese Welt nicht fremd. Er wurde 1946 in Waldenburg, einem ehemals schlesischen Bergbau-Zentrum geboren, kam dann als Flüchtling nach Königstein/ Sächsische Schweiz. Nach seinem Schulbesuch erlernte er den Beruf eines Offset-Druckers, begann zu zeichnen und zu malen. Sein Interesse führte ihn auf die Pädagogische Hochschule Dresden, er folgte dann dem Rat der Professoren Gerhard Kettner und Gerhard Stengel: „Wir brauchen gute Kunstpädagogen, die künstlerisch begabten Schülern den Weg zur Kunst vermitteln.“ Seine erste Praxisstation war die Grundschule in Laubusch, einem kleinen Industriedorf in der Nähe von Hoyerswerda, bestimmt von Tagebau, Brikettfabrik, Kraftwerk, Werkstätten aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. Dort begegnete er dem Maler Fritz Tröger aus Dresden, der seit den fünfziger Jahren einen Zirkel Kunst interessierter Mitarbeiter anleitete, Freude an künstlerischer Beschäftigung zu finden. Fritz Tröger gehörte in den zwanziger und dreißiger Jahren mit Otto Griebel, Bernhard Kretzschmar, Hans Jüchser und Curt Querner zur „Dresdner Sezession 32“, die dann von den Nationalsozialisten verboten wurde. Er ermutigte den jungen Pädagogen, selbst künstlerisch zu arbeiten, sein Wissen zu vervollkommnen. ‚Man könne nur weitergeben, was man selbst übe‘, lautete der Grundsatz des Älteren. 1974 wurde Karl-Heinz Hochstädt an die EOS Gotthold-Ephraim-Lessing, das heutige Lessing Gymnasium Hoyerswerda, versetzt. Das erweiterte seine Möglichkeiten, forderte aber auch neue Ideen für sein eigenes künstlerisches Arbeiten heraus. Für sein kunstpädagogisches Wirken fand bei den jungen Leuten Anklang, dies regte ihn an, die Schüler ebenfalls zu neuen gestalterischen Ideen heraus zu fordern. Karl-Heinz Hochstädt war leidenschaftlich Lehrer, seine Schüler ermutigte er, schöpferisch tätig zu sein. Einige Ergebnisse sind auf der zweiten Etage der Ausstellung zu sehen: Zeichnungen, Holzschnitte, Holzrisse, Aquarelle und Acryl-Malerei. Später schuf er gemeinsam mit ihnen Postkarten-Mappen mit deren und eigenen graphischen Arbeiten, die Eltern, Gästen, Freunden geschenkt wurden. Rückblickend sagt der Ruheständler: „Die jungen Leute fehlen mir sehr, mit ihren Fragen, ihren Einwänden, ihrem Suchen, mit Zweifeln und ihrer Zustimmung“. Er unternahm mit ihnen Exkursionen in alte Städte, die sie nur von Bildern kannten. Er organisierte Besuche in Ateliers, z.B. bei dem Maler Professor Wilhelm Rudolph in Dresden. Allerdings musste sich jede Schüler-Gruppe selbst bei dem Künstler anmelden und kurz ihr Anliegen mitteilen. Der betagte Maler, der als streng bekannt war, sagte den jungen Leuten zu. Die von ihm eingeräumte Zeit wurde meist überschritten, die Gespräche zu Kunst und Geschichte waren sehr intensiv. Wilhelm Rudolph konnte die jungen Leute unter anderem damit fesseln, wie er wenige Tage nach dem Bombenangriff auf die sächsische Kunstmetropole mit seinem Rucksack, Papier und Zeichen-Stiften durch die Ruinen-Straßen Dresdens wanderte und die zerstörte Stadt zeichnete. Da war reichlich Nachdenken angestoßen. Die Blätter gehören heute zu den gehüteten Schätzen der Kunstsammlungen. Karl-Heinz Hochstädt sagt: „Malen ist nicht Bildchen machen, vielmehr erfordert es das ganze Gefühl, den Geist, ja selbst den Körper. Ich brauche Harmonie zum Malen.“ Die Ausstellung trägt den Namen „Weltsicht“. Diese sucht er immer wieder durch Reisen in verschiedene Landschaften und Länder. Bilder aus der Sowjetunion, aus Ungarn, der DDR und Balkanländern zeigen das Ergebnis. Ihn fesselte das stille Carwitz, wo er den Spuren des Schriftstellers Hans Fallada folgte. Die Weite in der Mecklenburger Seenplatte lassen Gebäude und Dörfer vertraut anheimelnd erscheinen. Über ihnen zeigt er einen hellen, lichterfüllten, hellblauen Himmel großer Ausgeglichenheit. Nach 1990 folgt er seiner Sehnsucht nach der Ferne. Italien, Korsika, Sizilien, Frankreich und andere Länder zogen ihn an. Aquarelle und Acryl-Arbeiten entstanden. Bergdörfer, deren Häuser sich der steigenden Landschaft anzuschmiegen scheinen oder an Felsen lehnen, folgen dem Schwung der bergigen Länder und schmalen Wegen. Stets folgt der Blick des Betrachters den Schwüngen der grünen Hänge. Siedlungen, von Kirchen und deren Türmen überragt, bilden dennoch eine Einheit. Der Maler gestaltet keine Szenerien, Menschen fehlen auf den meisten Bildern. Leben werden durch deren Werk gezeigt - Häuser, Straßen, Treppen. Auf den Bildern herrscht Ruhe. Der Himmel, die Bergzüge am Horizont schenken den Blicken Ruhe, sie kann der Betrachter genießen. Der Maler widmet sich nicht den Touristenattraktionen, den Tummelplätzen der Eitelkeit. Er genießt die Welt und den weiten Himmel über ihr. In Taormina, Siziliens Stadt am Rande des Vulkans Ätna, malt er den Park, der den Blick auf das Meer genießen lässt. Zwei Sachsen - 1801 Johann Gottfried Seume aus Grimma bei seinem „Spaziergang nach Syrakus“ aufsuchte, und der Maler Otto Garten aus Elstra (bei Kamenz) 1937 erzählen in Text und auf Bildern gleich unserem Maler von ihrem Vergnügen des Wanderns in dieser Stadt. Hochstädt folgte ihnen als dritter Sachse. Diese Heimat bindet die drei Wanderer unterschiedlicher Generationen. Das Wort Heimat hört man bei Karl-Heinz Hochstädt selten, in der Ausstellung können wir jedoch seinem Empfinden durch alle Jahrzehnte folgen. Anblicke des Elbsandstein-Gebirges dank dem Maler genießen, sowohl der Sandsteinernen Felsen mit ihren steilen Klüften, in denen Menschen nur selten und sehr klein zu sehen sind. Erhaben überragen Felsen das Terrain, im Hintergrund die Gebirgszüge ruhen geschmeidig über Städten und Wäldern, schließen das Bild. Eine Ansicht Bild dieser Felsenformation zeigt im Vordergrund einen Baum, allein und kahl, vom Wind geneigt. Einsamkeit eines Suchenden empfindet der Betrachter. In dieser Landschaft fanden die Dresdener Romantiker vor zweihundert Jahren die Motive ihrer einmalig schönen Bilder. Unser Maler, der dort aufwuchs, folgt ihrer Tradition mit eigenen Mitteln. Eine Romantik neuer, durchaus eigener Erfahrungen und Malweise formuliert seine Bild-Sprache. Die Lausitz um Hoyerswerda und Wittichenau bildet den zweiten vertrauten Raum auf den Bildern von Karl-Heinz Hochstädt. Das Schwarzwasser fließt zwischen Spohla und Wittichenau nach Hoyerswerda zur Schwarzen Elster. Was da so ruhig scheint, vermag in manchen Jahreszeiten durchaus über die Ufer treten, Häuser und Felder bedecken. Der Bach ist zu einem See geworden, wie der Maler festhält. Er widmet diesen Flecken beschaulicher Enge vier Bilder, je eines jeder Jahreszeit. Sie zeigen Ansichten, auf denen Spaziergänger dem Schwarzwasser folgen. In dieser Gruppe bleibt der Blick auf einer kleinformatigen Landschaft hängen: „Bei Worpswede“. Das Bild zeigt jene damals noch unberührte Landschaft, in der Paula Modersohn-Becker, Otto Modersohn, der Dichter Rainer Maria Rilke, Heinrich Vogler, Fritz Mackensen und andere ihre Künstlerkolonie gründeten, unvergessliche Bilder und Texte schufen. Der Maler folgt dem Anliegen der berühmten Vorgänger sehr einfühlsam. In Stimmung und Atmosphäre empfindet er wie sie und gestaltet dennoch eine eigene Sicht auf jene Landschaft, die Augen und Sinne zu fesseln vermag. Es sind die Suchenden, die den Maler beschäftigen. Er folgt jedoch eigene Bildgestalt und eigene Malweise schaffen die Atmosphäre seiner Bilder. Karl-Heinz Hochstädt kennt die Sorgen unserer Zeit, er leidet daran. Ihn treibt keine Illusion schneller Lösungen der vor uns liegenden Aufgaben, die Klüfte zwischen unterschiedlichen Kulturen – leider verbunden oft auch mit Machtansprüchen, Gier und Gewalt – könnten das Miteinander zerstören. In seinem großformatigen Triptychon und dem Bild von der Flut, die ein Boot und seine Besatzung zu verschlingen drohen, erzählen es bedrängend. Beide wirken wie Schreie in höchster Angst. Doch nicht Furcht hilft uns, sondern Besonnenheit, Mut und Vertrauen zueinander. Möge uns diese Ausstellung ermutigen, nachzudenken, wie Frieden und Miteinander von uns mitgestaltet werden können. 

Tryptichon, Karl-Heinz Hochstädt 2017 In den Schrammsteinen, Karl-Heinz Hochstädt Felsen von Etretat, 2017 Karl-Heinz Hochstädt, Acryl Winter am Schwarzwasser und Winterabend in Spohla, Karl-Heinz Hochstädt 2014/2017 Überflutung am Schwarzwassergraben in Maukendorf, Karl-Heinz Hochstädt 2016 Das Kraftwerk Schwarze Pumpe stellt in seiner Galerie Werke zeitgenössischer bildender Künstler aus. Dämmerung am Tagebaurand, Karl-Heinz Hochstädt

 

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