Der Schriftsteller Thomas Frahm liest am Leon Foucault-Gymnasium und beim Hoyerswerdaer Kunstverein

Erstellt: Freitag, 25. August 2017 Zuletzt aktualisiert: Montag, 28. August 2017 Geschrieben von Martin Schmidt/Christine Neudeck

Mut zu eigenem Entdecken der Welt

Thomas Frahm. links, mit Mirko Schwanitz. Am Freitag fanden sich ca. 60 Gymnasiasten des Leon Foucault-Gymnasiums Hoyerswerda in dessen Aula mit dem Schriftsteller Thomas Frahm zum Gespräch über Bulgarien zusammen. Der Hoyerswerdaer Kunstverein und die Robert Bosch Stiftung führten wieder einmal im Rahmen von dessen Grenzgänger-Projekt die Gesprächspartner zusammen. Der Berliner Rundfunk-Journalist Mirko Schwanitz moderierte das Gespräch. Seit dem Jahr 2000 lebt Thomas Frahm in Bulgarien – jetzt halbjährig, lernte die Sprache, fand Freunde und engagiert sich intensiv für die dortige reiche und vieltausend Jahre alte Kultur und Geschichte. Ein schwieriges Thema – wie Thomas Frahm gesteht – da die dort entstehende Literatur, selbst der wichtigsten Schriftsteller des Landes in Deutschland nicht wahr genommen wird. Wer bedenkt schon, dass der Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti in der Stadt Russe (Bulgarien) geboren wurde. Thomas Frahm übersetzt die Bücher wichtiger und bedeutender bulgarischer Autoren wie Vladimir Zarev (geb.1947), schuf einen eigenen Verlag, in dem nun die Werke bulgarischer Zeitgenossen in Deutschland erscheinen. Sechs Schüler gaben an bereits in Bulgarien gewesen zu sein und das auch nur in den Seebädern, ihnen auch die kyrillische Schrift fremd war, erzählte der Schriftsteller von jener Sprachfamilie, die mehrere europäische Völker nutzen, schrieb seinen Namen in deutschen Buchstaben, dann in kyrillischer Schrift an eine Tafel, und erwähnte das griechische Alphabeth, das auch in jenem Land benutzt wurde. Thomas Frahm berichtete von Lebensformen, Essensgewohnheiten, Kulturschätzen- Erzählte Geschichten von Begegnungen, Missverständnissen, von Freundschaft und von erworbenem Vertrauen. Fragen einzelner Schüler zeigten, wie deutlich er das Interesse an Kennen lernen jenes Volkes weckte, gerade weil er nicht belehrte, sondern zu eigenem Entdecken ermutigte. Dieses ist auch das Anliegen seiner Bücher, die er in wenigen Jahren zu bulgarischer Literatur nach 1989, zu Geschichte „Heiliger Buchstabe, heillose Zeiten“ – Texte bulgarischer Literatur, „Träume ohne Schlaf“- Bulgarische Frauengeschichten und „Oh, Bulgarien“ – Land und Leute, Kultur und Gesellschaft herausgegeben hat. Letzteres ist die achtungsvolle Liebeserklärung eines Schriftstellers an ein Land, das ihm seit 15 Jahre zur zweiten Heimat wurde. Die Gymnasiasten hörten aufmerksam zu, fragten je nach eigenen Interessen, staunten und lachten, ermutigt, zu eigenen Entdeckungen in die Welt zu gehen. Martin Schmidt

 

Bulgarien, ein Teil der europäischen Geschichte

Oberbürgermeister Stefan Skora, Bildmitte, war als Schirmherr der GrenzgängeR-Gespräche am Abend mit Thomas Frahm ein aufmerksamer Zuhörer. Thomas Frahm, Duisburg/Sofia, stellt seine Bücher beim Hoyerswerdaer Kunstverein vor, Mirko Schwanitz moderiert. Die Veranstaltung wird gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung Bonn.

Wo liegt Bulgarien, wie heißt die Hauptstadt, welche geschichtlichen Ereignisse verbinden sich mit Bulgarien? Was wissen wir über dieses Land? Gibt es außer den Badestränden am Schwarzen Meer noch etwas Wissenswertes?
Solche Fragen stellen sich automatisch, wenn man sich, wie Thomas Frahm, auf den Weg macht zu suchen, zuzuhören, um am Ende zu bleiben und Bücher voll Wärme und Leidenschaft das Ergebnis sind.
Thomas Frahm, geboren 1961 in Homberg am Niederrhein, lebt in Duisburg und Sofia, arbeitet für Tageszeitungen, schreibt Lyrik und Erzählungen. Er kennt die geschichtlichen Verwerfungen seiner deutschen Heimat, gestern und heute, und kommt über seine heutige Ex-Frau, die eine Bulgarin ist, in dieses ihm ziemlich unbekannte Land Bulgarien, das ihm nunmehr zur zweiten Heimat wird. Hier lernt er mit großem Eifer die bulgarische Sprache und wird zum Artikelschreiber, Übersetzer und Schriftsteller. Seine Erfahrungen zeigen, dass das Wissen über andere Länder in der Wahrnehmung der Menschen oft gespenstige Züge annimmt, dem will er abhelfen mit allem, was ihm in Bulgarien begegnet und was ihn berührt.
Dazu gehört die Tatsache, dass Bulgarien sich innerhalb der Europäischen Union gefestigt hat und mit geringen Staatsschulden auskommt. "Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht", dieses Zitat von Goethe lässt Thomas Frahm immer hellhörig werden und so sorgt er dafür, dass man mehr über Bulgarien erfährt und damit der Horizont des Sehens erweitert wird. Denn auch nach einigen Jahren in Bulgarien hatte er immer noch den Eindruck, dass Kommunikation, die eigentlich zur Verständigung und zum Verständnis beitragen soll, immer weniger diesen Zweck erfüllt, Vorverurteilungen und Unverständnis wohin man blickt. In diesem Sinn schrieb er auch das Essay "Völkermissverständigung", in dem eine Bürgermeisterin seiner Heimatstadt die Ausstellung einer bulgarischen Künstlerin eröffnen soll und Schwierigkeiten schon beim Aussprechen des Namens hat, die das Land Bulgarien mit Rumänien verwechselt und dann von einem toten Winkel spricht, in dem beide schließlich liegen und somit nur schwerlich zu unterscheiden sind. In diesem Essay erfährt der Leser dann eine ganze Kaskade von Individualitäten, die eben nur in Bulgarien zu finden sind.
In vielen weiteren Büchern hat Thomas Frahm seine besondere Sicht auf Bulgarien mit Witz und Sachkenntnis aufgeschrieben, benannt, was man sieht und was man übersieht: "Die beiden Hälften der Walnuss", "Oh, Bulgarien", "Heiliger Buchstabe, heillose Zeiten", "Träume ohne Schlaf". Im letzteren sind Frauengeschichten versammelt, wie sie eben nur Frauen erzählen, viel Übertreibung, viel Emotion und viel Subjektives, und darum so lebendig wie nur möglich. Nicht zuletzt waren es die Frauen, die in grauer Vorzeit die bulgarische Sprache durch mündliche Weitergabe an Kinder und Enkelkinder erhalten hatten, als die Männer lesen und schreiben lernten, in Griechisch, die Frauen aber ausgeschlossen waren. Über den Umweg nach Kiew kam die "Kirilica", die einst für das Bulgarische entwickelte Schriftsprache der Brüder Cyrill und Method, wieder nach Bulgarien zurück.
In allen Büchern sind die Geschichte des Landes, Sprache und Körpersprache, Religionen und Ikonenmalerei, Essgewohnheiten und Landwirtschaft, Literatur und alle Einflüsse aus den umliegenden Kulturen eindrucksvoll beschrieben, das Ernste meist heiter dargeboten.
So findet Thomas Frahm nicht nur bei Bulgarienliebhabern Interesse, auch Leser mit Freude an Sprache und Dichtung kommen auf ihre Kosten. Er selbst hat an diesem Abend mit Charme und Witz die Neugierde geweckt. Christine Neudeck

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