Alfred Döblin "Berlin Alexanderplatz", gelesen von Uwe Jordan

Erstellt: Donnerstag, 06. Juli 2017 Zuletzt aktualisiert: Sonntag, 09. Juli 2017 Geschrieben von Christine Neudeck

Die Unrecht litten und hatten keinen Tröster

Alfred Döblin (1878-1957) "Berlin Alexanderplatz", gelesen und kunstgerecht nahe gebracht von Uwe Jordan, beim Hoyerswerdaer Kunstverein

Uwe Jordan liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein "Berlin Alexanderplatz" von Alfred Döblin Alle Kritiker und Rezensenten, die sich jemals zu Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" äußerten, verwendeten das Wort: Großstadtroman, (welches übrigens nicht einmal im Wortfundus von Microsoft Word gelistet ist). Was erwartet man nun gemeinhin von einem solchen? Möglicherweise das Leben in Prachtbauten und Museen, Künstler in Künstlerkneipen und Galerien, spannende politische Ereignisse und menschliche Tragödien, die man in unendlich vielen Tageszeitungen nachlesen kann, Verkehrschaos und neueste Verkehrsentwicklungen, ein abwechslungsreiches Nachtleben?
Doch nichts von alledem tut sich hier auf. Schon beim Lesen der umfangreichen Überschriften zu jedem einzelnen Kapitel findet sich nichts davon: Kräftigung des Haftentlassenen, Tendenz lustlos - Ohne Geld kann der Mensch nicht leben - Gestern noch auf stolzen Rossen, heute durch die Brust geschossen - Es geht dem Menschen wie dem Vieh, wie dies stirbt, so stirbt er auch- Der Tod singt ein langsames, langsames Lied...
Das umreißt den Lebenslauf von Franz Biberkopf, des Protagonisten dieses Romans. Auf dem Cover der Erstausgabe, verlegt 1929 von S. Fischer, ist zu lesen: "Von einem Mann wird hier erzählt, der in Berlin am Alexanderplatz als Straßenhändler steht. Der hat vor anständig zu sein, da stellt ihm das Leben hinterlistig ein Bein... Am Schluss aber erhält er eine sehr klare Belehrung: Man fängt nicht sein Leben mit guten Worten an, mit Erkennen und Verstehen fängt man es an und mit dem richtigen Nebenmann".
Nun wie es scheint, der richtige Nebenmann hat Franz Biberkopf zeitlebens gefehlt, bis auf eine einzige Person, seine letzte Freundin Mieze, doch die wurde "auf rohe Weise umgebracht. Ganz aus ist es nun mit dem Mann Franz Biberkopf."
Alfred Döblin, geboren 1878 in Stettin, Medizinstudium in Berlin und Freiburg, arbeitet ab 1911 in Berlin als Psychologe. Als Kassenarzt im Osten Berlins sind seine Patienten verlorene Existenzen, die es trotz aller Mühen nicht schaffen, anständig zu sein, die Straßenhändler, die in den Gefängnissen und Irrenanstalten, die ohne Wohnung und Einkommen, die Prostituierten und Zuhälter. Einer von ihnen ist dieser Franz Biberkopf, dessen Geschichte vor dem Gefängnistor in Tegel beginnt, durch das er nach vier Jahren in die Freiheit entlassen wird und für den die eigentliche Strafe erst jetzt anfängt. Vor vier Jahren hat er seine damalige Braut Ida in den Tod geschlagen. Wird der frühere Zementarbeiter und spätere Zeitungshändler, zwei Zentner schwer und stark wie eine Kobraschlange, nun von Erinnyen geplagt? Fehlanzeige. Doch war da nicht ein gewisser Orest, dem eben diese Erinnyen mächtig zusetzen, der Sohn des Agamemnon, der von seiner Frau Klytemnästra ermordet wurde - die antike Bestie murkst ihn einfach ab- weshalb später der Sohn, eben jener Orest, die Mutter tötet? Wem ist diese Geschichte im Zusammenhang mit Franz Biberkopf geläufig, wer erzählt diese? Es ist vom Leser nicht auszumachen. Man hört weiter, unser Franz Biberkopf hat es doch viel besser getroffen als dieser Agamemnon, er lebt ja noch und nur die Frau ist hin.
Diese Erzählweise Döblins verblüfft durch die vielen Details von ähnlichen Einschüben im gesamten Roman, aus der griechischen Mythologie, aus Liedern und Gedichten, aus Bibel und Naturwissenschaft, aus Fahrscheinen und Tagezeitungen. Im Zusammenhang mit dem Totschlagen der Braut Ida erklärt Döblin anhand der njutenschen Gesetze, gemeint ist Herr Isaak Newton, wie sich der Sahneschläger mit der Spirale in Abhängigkeit von Kraft und Beschleunigung, ausgeübt durch den Arm von Franz Biberkopf, auf Idas Brustkorb verhält. "Bei solcher zeitgemäßen Betrachtung kommt man gänzlich ohne Erinnyen aus".
Der Leser wird weiterhin Zeuge des Lebens von Franz Biberkopf, erlebt den Verlust des Armes, das Reichwerden durch Hehlerei, das wieder Armwerden danach, den Tod Miezes, macht Bekanntschaft mit dem Inneren der Irrenanstalt Buch, erlebt das gedemütigte Leben inmitten der hektischen und schillernden Welt Berlin Alexanderplatz in den goldenen Zwanziger Jahren. 
Es sind die Ausgegrenzten dieser Welt, die bis heute in allen Großstädten fast unsichtbar leben, denen Alfred Döblin ein bleibendes Denkmal setzte. "Und siehe da, es waren Tränen derer, die Unrecht litten und hatten keinen Tröster."
An diesem Abend war es die Vorlese-Kunst von Uwe Jordan, die Franz Biberkopf und Alfred Döblin eine authentische Stimme gab, die auch die zögerlichen Leser des Romanwerkes zum unbedingten Weiterlesen verführte.

 

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