Martin Walser zum 90. Geburtstag - eine Hommage von Uwe Jordan

Erstellt: Donnerstag, 06. April 2017 Zuletzt aktualisiert: Montag, 10. April 2017 Geschrieben von Christine Neudeck

Uwe Jordan 2017 beim Hoyerswerdaer Kunstverein zum 90. Geburtstag von Martin Walser

Gedächtnis und Gewissen

Mit wachem Blick beobachtet Martin Walser seit vielen Jahrzehnten alles, was um ihn herum geschieht, dabei wird ein ganzes Jahrhundert Geistesgeschichte und politisches Geschehen sichtbar. Und Walser mischt sich ein. Nicht immer stößt er dabei auf Gegenliebe. Das spiegelt sich in einer Vielzahl seiner literarischen Werke wider. Sein Alterswerk "Ein sterbender Mann" war Thema des Leseabends mit Uwe Jordan beim Hoyerswerdaer Kunstverein. 
Thomas Schad ist der Protagonist des Buches, der, wie er meint, durch den Verrat des Freundes in den Ruin getrieben wurde. Er hatte erfolgreich Patente angekauft und mit 44 Angestellten produziert, dabei war er wohlhabend geworden. Nun kann er nur noch reagieren, er schreibt an einen Schriftsteller, der ebenso gewisse Ähnlichkeiten mit dem Ego Walsers hat, wie Thomas Schad selbst. Die Briefe sind voll böser Häme über den Empfänger, dieser links, er selbst rechts, der Schriftsteller der Erzrevoluzzer, Thomas Schad der Erzkapitalist. Diese beiden Pole geben die Würze und verraten auch etwas über Walser selbst, der jedes Extrem gleichermaßen des Nachdenkens wert findet. Hatten nicht Goethe und Schiller trotz grundlegender Meinungsverschiedenheiten über die Französische Revolution und Napoleon voneinander profitiert?
Die Äußerungen Thomas Schads zum geteilten Deutschland hören sich so an: Deutschland fand er zum Kotzen, ein Drittel eingesperrt, zwei Drittel flanierend. Jede Seite lohnt einer genaueren Betrachtung, keiner kann von der anderen verlangen, was diese nicht geben will. 
Thomas Schad meldet sich als alter Mann in einem Suizid-Forum an, da er glaubt, so lange zu leben sei unrühmlich. In diesem Forum sind die Frauen die interessanteren Personen, weil sie mehr von sich preisgeben als Männer. Es ist eine Frau, die ihren Todeswunsch irreversibel nennt, das beeindruckt ihn und er beginnt einen Briefwechsel mit ihr. Doch wie soll er glauben, dass er alt und todesmüde ist, wenn nichts weh tut und wenn er jetzt genau so wenig sterben will, wie als junger Mensch? Auf den Tod vorbereiten heißt ja, weniger leben. Warum sollte er? Wie es weitergeht, könnte jeder selbst nachlesen, dazu animierte der Leseabend mit Uwe Jordan ganz gewiss.
Das Zitat des Schriftstellers "Mehr als schön ist nichts" beschreibt Thomas Schad als abgrundtief dumm. Doch im Verlauf des Buches benutzt er dieses Zitat für sich, "Sie war mehr als schön, sie war alles" und zum Schluss, "Nichts zu sagen ist schön und mehr als schön geht nichts". Darüber nachzudenken kommt dem Schriftsteller Walser näher, der am Ende Freund und Feind überlebt und wohl auch, um zu erkennen, dass Freund und Feind gar so unterschiedlich nicht sind. 
Informiert sein und Lesen war bisher das Wichtigste im Leben des Thomas Schad, doch jetzt wird er müde, verzichtet sogar auf das Lesen. Aber das Lesen kann durch nichts ersetzt werden. Womit also die Leere füllen?
Ein Thema, das Walser umtreibt, das er in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 ausführlich darlegt, ist die Einordnung des Gewissens im Leben eines jeden einzelnen. Sind Geistes- und Sprachgrößen auch Gewissensgrößen oder gar Treuhänder unseres Gewissens? Gibt es ein Gewissen der Gesellschaft zur Schuld, besonders der Deutschen im vergangenen Jahrhundert? Warum glaubst du, etwas besser zu wissen als andere? Darf man sich in Gewissensfragen einmischen? Es ist ein Balanceakt der Sprache, dies glaubwürdig zu tun ohne der Illusion zu verfallen, man sei entschuldigt, weil man Erinnerungsdienst leistet. Gewissensfragen lassen sich nicht durch eine Event artige Erinnerungskultur vermitteln. Gewissen ist nicht delegierbar! Für mich das zentrale Anliegen Walsers überhaupt. Gewissensmangel ist ihm beileibe nicht vorzuwerfen.
Die Sprache der Dichter ist für ihn absolut die einzige Möglichkeit, "das Dasein eines Menschen zu streifen, auf eine nicht kalkulierbare, aber vielleicht erlebbare Art. Das ist eine reine Hoffnung."

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