Ingo Petz stellt seine Bücher im Rahmen der Hoyerswerdaer Gespräche vor.

Erstellt: Freitag, 24. März 2017 Zuletzt aktualisiert: Dienstag, 28. März 2017 Geschrieben von Christine Neudeck

Belarus - ein Land sucht nach Wurzeln und Zukunft


Grenzgänge(R), Hoyerswerdaer Gespräche - Eine Lesereihe mit Schriftstellern aus Osteuropa, gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung Bonn.
Ingo Petz, Berlin, stellt sich beim Hoyerswerdaer Kunstverein vor.

Ingo Petz (rechts) stellt seine Bücher 2017  beim Hoyerswerdaer Kunstverein vor, fachkundig unterstützt von Mirko Schwanitz Dieser junge Mann, Ingo Petz, lässt Literatur in einem heiteren Ton erklingen, in der vor einem intelligenten humanistischen Hintergrund die unterschiedlichsten Regionen der Welt aufleuchten. Gemeinsam mit dem Journalisten Mirko Schwanitz gestaltete er einen herrlichen Diskurs über Aserbaidschan, Neuseeland und Belarus, das auch Weißrussland heißt. 
Ingo Petz ist ein umtriebiger Mensch, der in einem fremdem Land auf die Menschen zugeht, mit ihnen lacht und isst, ihre Kultur körperlich fühlt und in sich aufnimmt. So lebendig erlebt der Leser dann seine Geschichten.
Sein Buch "Kuckucksuhren in Baku" erzählt von dieser Stadt, in der sich alles beisammen findet, was unsere heutige Welt prägt, ein bisschen osteuropäisches Klischee, dazu die unverwechselbare Geschichte des Landes, deutsche Glücksritter und die Verehrer deutscher Autos. Er trifft auch auf den letzen Zeugen einer Zeit, die einmal die Region prägte, die Zeit als Schwaben am Anfang des 19. Jahrhunderts in den Kaukasus kamen und hier ihre Kultur einbrachten, es entstand etwas lebendiges Neues im heutigen Georgien und in Aserbaidschan. Ihre "mitgebrachte" lutherische Prägung sorgte für Überfälle durch Islamanhänger der Perser und Kurden in der Mitte des 19. Jahrhunderts, später, nach den Gräueln des Faschismus, büßten sie unter Stalin ihre deutsche Abstammung mit der Vertreibung nach Sibirien, von der nur einer verschont blieb, Igor Stein, bei dem noch eine Kuckucksuhr die Stunden anzeigt. Mit diesem kommt Ingo Petz ins Gespräch darüber, was heute noch vom ehemaligen Glanz zu spüren ist und darüber, dass Jugendliche nun nach so vielen Jahren die Wurzeln dieser Geschichte suchen.
Ingo Petz war begehrter Gesprächspartner beim Hoyerswerdaer Kunstverein. 2017 In dem Buch "Kiwi Paradise" erlebt der Leser Neuseeland, das Traumland vieler Auswanderer, die die sprichwörtliche neuseeländische Gelassenheit suchen, zu denen Ingo Petz beinahe auch gehört hätte, wäre da nicht eine Freundin gewesen, die es am Ende nicht mehr gab. Euphorisch auf das Gefühl der Zugehörigkeit hatte sich Ingo Petz als erster Ausländer überhaupt zu einem Empfang ins Haus der Maori begeben. Nur dürftig mit den Begrüßungsritualen vertraut, war er ins Fettnäpfchen getreten. Diese Szene schildert er so voller Selbstironie, dass jeder bemüht ist, ihn zu trösten, nicht nur eine der Maori- Frauen, die ihm aus der Patsche hilft. Viele weitere skurrile Geschichten erwarten den Leser im Land der Schafe, der Kiwis und der vielen weiteren bunten Vögel, die sich neuerdings hier angesiedelt haben. 
Zum Schluss folgten die Leser der Frage: Wo bitte geht‘s nach Belarus?. In dem Buch: "Ein weißer Fleck in Europa" schildert Ingo Petz seine "Reisen in die unbekannte Mitte Europas". Für ihn ist Belarus im geografischen Mittelpunkt Europas auch zum Mittelpunkt seines Denkens und Fühlens geworden, nicht nur, weil seine Frau von dort kommt, das war viel später, da hatte er Belarus schon zu seiner Heimat erwählt. Im Vordergrund steht für ihn die Sprache, die die Weichheit der slawischen Sprachen in besonderer Form belegt, eine Sprache, die sich den häufigen Änderungen der Herrschaftsverhältnisse seit vielen Jahrhunderten unterordnen musste und als bäurisch minderwertig abgetan wurde. Heute, dass zeigt wieder einmal mehr, was junge Leute bewegen können, erfreut sie sich eines neuen "Sprachlebens". Dieses wird ihr von Rockbands und einer aufmüpfigen "Subkultur" als Protest gegen die Regierenden eingehaucht. Man besinnt sich plötzlich in großem Stil auf das unverwechselbare Tempre dieser Sprache und fordert, sie vorrangig als Amtssprache neben der russischen zu sehen. An diesem Prozess hat Ingo Petz einen nicht unwesentlichen Anteil, mit seinen Büchern und seinem Engagement in verschiedenen Gremien. Doch das allein täuscht über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Finanzprobleme nicht hinweg. Deshalb bleibt es nicht bei der Suche nach Wurzeln und Identität, es ist auch die Suche nach einer individuellen Form von Demokratie und Sicherung des Wohlstandes im Land. Von Ingo Petz sind zu recht noch einige Bücher zu diesem Thema erwarten. Seinen Namen sollte man sich merken.

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