Sibylle Lewitscharoff liest aus ihrem Roman "Apostoloff"

Erstellt: Donnerstag, 26. Januar 2017 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 04. Februar 2017 Geschrieben von Christine Neudeck, Katrin Demczenko

Bulgarien - Der Welt von heute ist die Welt von gestern abhanden gekommen.

Christine Neudeck

Sibylle Lewitscharoff (*1954) liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein aus ihrem Roman "Apostoloff" und begeistert mit ihrem Sprachwitz die Zuhörer. Die Reihe Grenzgänge (R) wird unterstützt durch die Robert-Bosch-Stiftung Bonn. Sibylle Lewitscharoff ist in Stuttgart geboren und lebt heute in Berlin.

Sibylle Lewitscharoff liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein Zwei Schwestern besuchen im wahrsten Sinn des Wortes ihres Vaters Land, der ein Bulgare war. Sie kommen aus Stuttgart und reisen mit dem bulgarischen Fahrer Rumen Apostoloff quer durch das Land.
Sibylle Lewitscharoff wählt für ihren Roman "Apostoloff" drei Personen aus, die widersprüchlicher nicht sein könnten, die unter Provokationssucht leidende Schwester auf der Rücksitzbank des Autos, die liebenswürdige und fürsorgliche, hübsche Schwester neben dem schönen selbstverliebten Bulgaren Rumen, der das Auto mehr oder weniger forsch lenkt.
Zwischen diesen drei Polen schwebt Sibylle Lewitscharoff gekonnt hin und her, beinahe könnte man meinen, sie schwäbelt hin und her, denn die Melodien in ihrem Sprachrhythmus lassen ihren Heimatdialekt durchaus hindurch leuchten.
Und so erfährt der Leser während eine Reise quer durch das heutige Bulgarien die Geschichte des Landes, vom Bulgarischen Reich über die Thraker und Osmanen bis zur Hitlerzeit, erlebt die Zeit Stalins und die der bulgarisch-sowjetischen Freundschaft und er hört eine Menge über die Familie der beiden Schwestern.
Während Rumen sich in gutem Glauben wähnt, den Schwestern die Schönheiten seiner Heimat wortreich erklären zu müssen, wird er durch einen aggressiven Redeschwall von der Rücksitzbank attackiert. Angeprangert wird der offensichtliche Verfall des Landes, der Abriss der vielen stilvollen Häuser in Sofia, die Krieg und sogar Kommunismus überstanden hatten und der Abriss der Häuser in Plovdiv mit den charmanten Innenhöfen. Kritisiert werden die von Kitsch überquellenden kleinen Läden in den Touristenhochburgen, die ungepflegten Hotels und Strände sowie das immerwährende Getöse von undefinierbarer Musik, eigentlich alles. Nicht einmal die liebliche Landschaft mit den langen weißen Stränden und die malerischen Gebirge finden Anklang. Die Liebenswürdige auf dem Vordersitz versucht auszugleichen, auch dadurch, dass sie sich in den Fahrer zu verlieben beginnt.   
Den größten Raum des Romans aber nimmt die Erinnerung an den Vater ein, der beide Schwestern in eine Katastrophe stürzte, als er den Freitod wählte, die Aufmüpfige war elf, die Liebenswürdige dreizehn Jahre alt. In ihren Träumen erscheint ihnen der Vater immer mit einem Strick um den Hals. Die Enttäuschung ihres Lebens übertragen sie nun ein wenig auch auf das Land des Vaters.
Außerdem sind da noch die Familiengeschichten, die aus Stuttgart und die aus Bulgarien. Es wird an die pietistische Großmutter aus Stuttgart erinnert, die sehr lebendig die Geschichten der Bibel erzählt und an den durchaus liebenswerten Vater, der die betörenden Gesänge des Orpheus vorliest, aus dem goldenen Land Thrakien, zu dem Bulgarien einmal gehörte.
Von alledem, was die Mädchen an interessanten Geschichten über Bulgarien sonst noch wissen, ist auf dieser Reise nichts mehr zu finden. Allein die griechisch-orthodoxen Kirchen, von denen es viele gibt, haben etwas von ihrer Schönheit bewahrt. Während die spröde Schwester die Ikonen in der Kirche beim Gespräch belauscht und die Engel in der Kuppel mit ihr zu reden scheinen, sorgt sich die andere, die Fürsorgliche, um den materiellen Erhalt der Kunstwerke. Und Rumen weiß mit beiden Positionen wenig anzufangen.
Am Ende wird die Erinnerung der Mädchen an den Vater versöhnlicher, vielleicht hat er die Familie vor weiteren depressiven Attacken bewahren wollen? Was sie erst heute leise zu ahnen beginnen.
Mirko Schwanitz moderiert auf sehr feinfühlige Weise, er erwähnt auch die Reaktionen, die dieses Buch bei den Bulgaren auslöste, die einen sind entsetzt, weil da eine Person mit viel Grimm und Häme über ihr Land berichtet, die anderen sind begeistert, weil endlich einmal klar zur Sprache gebracht wird, woran es dem heutigen Bulgarien mangelt, dass ihm Einmaligkeit und Charme entglitten sind, dass die reichen Schätze an geistigen und kulturellen Gütern im eigenen Land nicht mehr wahrgenommen werden und dass selbst die üppig geschmückten orthodoxen Kirchen zu reinen Touristenattraktionen mutieren. Es ist an der Zeit, das zu ändern.

Sibylle Lewitscharoff mit Mirko Schwanitz, der die Reihe Grenzgänge (R) moderiert. Die Schriftstellerin illustriert die Cover ihrer Bücher meistens selbst. Der Roman "Apostoloff" von Sibylle Lewitscharoff findet reichlich Zuspruch bei den Hörern.

 

 

 

 

 

 

 

 

Katrin Demczenko

Das Foucault-Gymnasium Hoyerswerda ist dem Kunstverein bei der Durchführung des von der Robert Bosch Stiftung unterstützten Grenzgänger-Projektes ein verlässlicher Partner und so besuchten schon mehrere Autoren die Schüler. Der Schulleiter Uwe Blazejczyk hält viel davon, Gymnasiasten an das Schreiben und gute Literatur auch außerhalb des vorgegebenen Lehrplans heranzuführen, denn das eröffnet ihnen viele geistige Freiräume und Denkanstöße.

Grenzgänger-Gespräche eröffnen geistige Freiräume

Sibylle Lewitscharoff vor Schülern des Hoyerswerdaer Foucault-Gymnasiums Gestern stellte Sibylle Lewitscharoff 30 Schülern der beiden Leistungskurse Deutsch Klasse 11 ihren Roman Apostoloff vor, der die Reise zweier Schwestern von Schwaben nach Bulgarien, in die Heimat ihrer Eltern, beschreibt. Die erwachsenen Frauen suchen vor allem einen Zugang zu ihrem Vater, der in den 1940er Jahren nach Deutschland geflohen ist und sich später dort erhängt hat. Diese Familientragödie ist authentisch, erfuhren die Schüler, vom Rest der Reise durch das postsozialistische Bulgarien sind es allerdings nur einzelne Erlebnisse, die ihr ein dort aufgewachsener Vetter erzählt hat. Die Gründe für den Selbstmord ihres Vaters, der in Stuttgart ein erfolgreicher als Arzt war, versucht Sibiyle Lewitscharoff bis heute herauszufinden, wie mehrere ihrer Bücher zeigen. Dabei nähert sie sich der Familiengeschichte auch über geschichtliche Themen wie das Erhängen eines jüdischen Finanzrates in Stuttgart im Jahre 1738.
Die Schüler erfuhren von der Autorin viel über ihren Schreibprozess, bei dem die erste Version eines Kapitels meist noch mehrfach überarbeitet wird. Die Bedeutung eines eigenen Stils zeigt viel über die Eigenheiten eines Autors. Wichtig sei, einen schnellen Vorgang auch kurz und knapp zu beschreiben, während das Entstehen von Gedanken oder das Beschreiben einer Landschaft episch breit erfolgen kann. Hier dürfen es gern mehrere Nebensätze sein, die die Szene ausführlich beleuchten und "sich gegeneinander ins Wort fallen."
Der Schüler Lewin Weber-Karpinsky wollte von Sibylle Lewitscharoff wissen, warum sie zuerst Religionswissenschaft studiert und sich erst später der Schriftstellerei zugewandt hat. Das Studium eröffnete ihr den Zugang zu den Schriften der Bibel, zur griechische Mythologie und anderem bedeutendem Wissen der Menschheit. Aus diesem Fundus schöpfe sie jetzt für ihre Bücher. Lena Friedek fragte nach den Lieblingsautoren von Sibylle Lewitscharoff und sie nannte den Romancier Marcel Proust, der in seiner episch breiten Art dennoch genau die fanzösische Gesellschaft beschrieb. Der studierte Jurist und später Autor Franz Kafka hat die in seinem Beruf gebrauchte exakte und knapp beschreibende Sprache in seine Literatur hineingenommen. Im Berufsleben profitieren die meisten Menschen davon, sich gut ausdrücken zu können, sagte Sibylle Lewitscharoff und legte den jungen Leuten deshalb ans Herz, möglichst viel hochwertige Literatur zu lesen.

Mit freundlicher Genehmigung von Sächsiche Zeitung, Hoyerswerdaer Tageblatt.

 

 

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