Gesprächsabend beim Hoyerswerdaer Kunstverein mit Dr. Horst Böttge und Steffen Grigas

Erstellt: Donnerstag, 23. Juni 2016 Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 29. Juni 2016 Geschrieben von Christine Neudeck

Was Richard Böttge mit der Fernwärme Hoyerswerda verbindet

Dr. horst Böttge Lesung beim Hoyerswerdaer Kunstverein mit Horst Böttge aus seinem Buch "Drangsaliert und dekoriert" über seinen Bruder Richard Böttge (1934-2014) und Gespräch mit Steffen Grigas, Geschäftsführer der Versorgungsbetriebe Hoyerswerda

Im Oktober 1960 wird in Hoyerswerda das damals größte Fernwärmenetz Europas in Betrieb genommen. Doch was hat dies mit Richard Böttge zu tun?
Es gibt sicher nur wenige Biografien wie die des Richard Böttge, der von einem politisch verfolgten Jugendlichen zu einem geachteten, mit Auszeichnungen bedachten Fachmann in der Wirtschaft der DDR wird, ohne sich zu verbiegen. Davon ist in der Lesung von Horst Böttge zu hören.
Als 16-jähriger junger Mann hatte Richard in der Berufsschule in Laubusch ein Bild Lenins verunstaltet und wurde damit zum Klassenfeind, das war im Jahr 1951. Nach Verhaftung und Verhören in Hoyerwerda und Dresden wurden er mit vier weiteren Jugendlichen an die Sowjetischen Sicherheitsorgane übergeben. Das Urteil fällte das Sowjetische Militärgericht, es lautete 10 Jahre Arbeitslager. Trotz vielfältiger Eingaben des Vaters, der Betriebsleiter der Brikettfabrik Heide war, unterstützt auch von Gewerkschaft und FDJ des Braunkohlenwerks Heide erfolgte keinerlei Reaktion der Behörden, weder der Staatssicherheit, noch offizieller Regierungsstellen, am Ende nur ein Schreiben, dass kein Gnadengesuch vorliege. Richard Böttge erlebt in den nächsten drei Jahren die Härte des Strafvollzugs im Gelben Elend in Bautzen und im Roten Ochsen in Halle. Der Tod Stalins am 5. März 1953 und die damit verbundene Amnestie verhilft ihm vorzeitig aus der Haft in die Freiheit.
Trotz der erlittenen Repressalien beginnt er sofort alles nachzuholen, was er versäumte, mit der ihm eigenen Willenskraft und einem ungebrochenen jugendlichen Optimismus.
Er führt die begonnene Schlosserlehre mit Auszeichnung zu Ende und studiert an der Bergingenieurschule Senftenberg "Brikettierung und Kohleveredelung". Im März 1960 wird Richard Böttge Leiter des Bereichs Fernwärme Hoyerswerda und ist somit maßgeblich an der Inbetriebnahme des Fernwärmenetzes im Oktober beteiligt. Dieser Bereich gehört später zum VEB Energieversorgung Cottbus und danach zum VEB Energiekombinat Ost. In den Jahren von 1960 bis 1989 ist und bleibt Richard Böttge der Ideengeber und "Manager" der Fernwärme in unserer Stadt. Die Arbeit wird für ihn gelebtes Leben, politische Statements spart er aus, indem er sich weder für noch gegen parteiliche Beschlüsse äußert. Aber er weiß auch geschickt manchen bürokratischen "sozialitischen" Gang zu verkürzen und ist um kollektiven Zusammenhalt in jeder Hinsicht bemüht. Auseinandersetzung bleiben trotzdem nicht aus und später wird er erfahren, das eine permanente Überwachung durch die Staatssicherheit gegeben war. Freiräume findet er in verschiedenen Sportvereinen, er geht Klettern und spielt Tennis. Viele, die ihn kannten aus dem Arbeitsleben und aus Sportvereinen waren gekommen und erinnerten sich an ihn als einen exzellenten Fachmann, einen tollen Kollegen und guten Organisator in jeder Hinsicht.
Steffen Grigas, Geschäftsführer der Versorgungsbetriebe Hoyerswerda So auch Steffen Grigas, der heutige Geschäftsführer der VBH Hoyerswerda, der als blutjunger Ingenieur bei dem gestandenen Fachmann lernte und nach der Wende mit ihm oder besser gegen ihn die Verhandlungen zur Übernahme des Fernwärmebereichs Hoyerswerda aus der ESSAG in kommunale Verantwortung führte. Danach verabschiedete sich Richard Böttge Ende 1995 in den Ruhestand,
Steffen Grigas erläutert kurz und allgemeinverständlich die technischen Details und den Vorteil von Fernwärme. Wenn aus einem Kraftwerk der entspannte Dampf der Turbinen durch Wärmetauscher als Heiz- oder Warmwasser ausgekoppelt wird, erhöht das die Effizienz des Kraftwerkes! und verringert erheblich die Umweltbelastung vor Ort, gestern wie heute. Kohlekraftwerke arbeiten inzwischen mit minimalstem Schadstoffausstoß. In einer Fernwärmetrasse von Schwarze Pumpe nach Hoyerwerda über 19 km gelangt das heiße Wasser für Heizung und Warmwasser jeweils mit einem Vor- und Rücklauf in einem so genannten Primärkreislauf zur Hauptstation im Hoyerswerdaer Industriegelände. Dort werden mit modernen Wärmetauschern die Temperaturen abgesenkt und in einem Rohrleitungsnetz von insgesamt 69 km Länge zum Verbraucher geleitet. Dazu sind eine Unmenge Pumpenanlagen, weitere Wärmeübergabe- Stationen und Hausanschlüsse erforderlich. Zur Abdeckung von Spitzenzeiten oder Havarien im Kraftwerk wurde zur Hauptstation ein Spitzenheizwerk gebaut, das mit Gas oder Öl betrieben werden kann.
Alles, was zu Richard Böttges Zeiten noch von Hand geregelt wurde, übernimmt heute eine Computersteuerung. Der Fernwärmebereich der Versorgungsbetriebe Hoyerswerda ist ein erfolgreiches Unternehmen der Stadt, in dem laut Aussage von Steffen Grigas der "Planungshorizont" bis 2030 gewährleistet ist.

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