Lausitzer Rundschau, Buchpremiere mit Roza Domascyna

Erstellt: Donnerstag, 17. Februar 2011 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 12. Juli 2014 Geschrieben von Martin Schmidt

Geburtsstunde eines Gesprächs

Roza Domascyna währen der Lesung

Eine große Schar aus weitem Umkreis versammelte sich am Dienstagabend beim Gespräch am Kamin des Hoyerswerdaer Kunstvereins zur Premiere des neuesten Buches von Roza Domascyna "ort der erdung". Selbst die Herausgeber Manfred Jendryschik und Reinhard Hahn, reisten aus Halle/Saale an, um diesen Augenblick des ersten Publikumsgesprächs mitzuerleben. Weder die einen noch die anderen wurden enttäuscht.
Spürbar war bei allen Gästen aus nah und fern die Erwartung auf die Texte, mit denen die Dichterin ihr jüngstes Geisteskind vorstellen würde. Diese Spannung war auch bei der Dichterin zu spüren, ließ die Zuhörer gespannt eine Stunde lang lauschen, um noch weiteres Lesen zu erbitten und nach stiller Denkpause in einen Dialog überzugehen, der diese Reihe kennzeichnet: zu Reflexionen über gemeinsames Leben, über gestern und heute, Wege vom Ich zum Du.
Die Dichterin erzählte von ihrer Großmutter, einer Märchenerzählerin zu Zeiten als es noch kein Fernsehen gab, die sie zu fesseln verstand und auch ihre Freude an den sorbischen Sagengestalten weckte. Sie wanderte mit den Zuhörern durch das Haus, in dem sie geboren wurde, über „die Stufen, wo sich Tag und Nacht begegnen“, in dem die Treppe die einzige Konstante zwischen dem Flur unten und dem Flur oben bildete, Sie ließ Licht und Schatten in hundertjährigen, seit langem stillgelegten Brikettfabriken poetisch wieder erstehen, das manche Gäste meinten, es sei die, obwohl sie wie die Autorin in verschiedenen Werken tätig gewesen waren. Immer wieder bewies sich: „weil das gedicht eine sprache hat ist es die sprache des bildes“.
Roza Domascyna nahm ihre Zuhörer mit in diese Bilder, lässt sie gemeinsam mit sich darin leben. Die Texte erinnerten an eigenes Erleben, an zurückliegende Epochen, an Begegnungen mit Menschen, Landschaften, an andere Zeiten. Sie urteilten nicht, schufen vielmehr ein neues Miteinander, das in die Zukunft trägt.
Zwischen manchen Gedichten oder kurzer Prosa baute die Dichterin mit wenigen kurzen Bemerkungen Brücken von einem Ort zum anderen, führte von der Lausitz nach Frankreich, von Italien nach Serbien, prägnante Schlaglichter, die nicht ablenkten, im Mittelpunkt standen die Texte. Diese fesselten immer wieder, versetzten die Zuhörer in atemloses Lauschen, wie es wohl einst der kleinen Roza gegangen sein mochte, wenn die Großmutter erzählte. In diesen Augenblicken teilte sich wieder einmal den Literaturfreunden der Zauber einstiger Märchenstunden oder früher Theatererlebnisse mit. Die Sprache der Texte ließ auch die Bilder des Malers Hubert Globisch vor den Augen der Kunstfreunde erstehen, ohne sie aufwändig zu beschreiben, dass mancher meinen konnte, auf ihnen bewege sich das Meer. Die Welt ist ein Bild in den Farbtönen der Seele heißt es bei Roza Domascyna. Dieses Satz gilt nicht nur für die Dichterin und ihr neuestes Buch, sondern auch für ihre Zuhörer. Sie konnten sich nur schwer von der Poetin trennen, zu voll waren die Herzen, sie mussten sich erklären, mussten ihr danken. Dieser Abend ließ wieder einmal die Geburtsstunde eines Gesprächs erleben, wie Martin Buber sagte: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“.
Dieser Text diente als Vorlage für einen Artikel in der Lausitzer Rundschau.

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