Wie eine Straße vor 50 Jahren zu Literatur wurde – und es heute wieder werden kann

Erstellt: Dienstag, 23. Juni 2020 Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 01. Juli 2020 Geschrieben von Uwe Jordan

Wie eine Straße vor 50 Jahren zu Literatur wurde – und es heute wieder werden kann

Ein Brigitte-Reimann-Text lebt nach vielen Jahren wieder auf – und ermuntert.

Angela Potowski lauscht dem Spiel des Violinisten Malte Hübner (Rostock) und der Viola-Virtuosin Waltraud Elvers (Berlin). Hoyerswerda. Der Schlosssaal war ausgereizt. Sogar Extra-Stühle mussten herbeigeschafft werden. Gut – es waren nicht über 200 Gäste, die es in normalen Zeiten braucht, um den Saal zu füllen, aber geschuldet den corona-verursachten Abstandsregelungen war mit 50 Literaturfreunden die Grenze des Machbaren erreicht. Alle waren noch so froh, dass der Kunstverein Hoyerswerda sein Jahres-Programm wieder aufnehmen konnte und ein sehnlich erwarteter Höhepunkt eben nicht auf den St. Nimmerleins-Tag verschoben wurde. Versprochen war in der Tat Einzigartiges: die Neu-Belebung eines vergessenen Brigitte-Reimann-Textes; dazu Musik, teils extra für diesen Abend komponiert von Jan Cyž (Bautzen), der der Stadt ja auch die Musikfesttage-Fanfare geschenkt hat. Die Vorleserinnen Angela Potowski und Helene Schmidt ließen, Wort für Wort präzise und doch mit Wärme „Meine Straße“ auferstehen; den Beitrag, den Brigitte Reimann 1967 in der DDR-Kulturbund-Zeitschrift „Sonntag“ (Nr. 41) veröffentlicht hatte – über Hoyerswerdas Liselotte-Herrmann-Straße. Scheinbar so gar keine Hommage: „Sie ist nicht schön, sie tröstet uns nicht wie eine Straße, auf deren Trottoir sich Leute drängen ... sie gleicht tausend anderen Reißbrett-Straßen ...“ – und doch ist es eine Hommage, wenn ein Abend beschrieben wird: „... und jetzt ist die Straße beinahe schön, wenn sich die harten Konturen verwischen, und die Antennen über der Firstlinie schwimmen wie die Masten und Rahen verschollener Segelschiffe.“
Freilich definiert Brigitte Reimann die Straße vor allem über ihre Menschen und die Lebensqualität, die sie ihnen bietet – oder eben nicht; nicht kann, nicht darf, stadtplanerischer Zwangspunkte halber. Frage: Ist das, ist sie heute, 2020 anders? Man mache das Experiment und erkunde die Liselotte-Herrmann-Straße zu Fuß. Den Teil, den Brigitte Reimann vor 50 Jahren sah; den, den sie nicht mehr kennenlernte und der heute schon wieder ganz anders aussieht als vor 30 Jahren; Stichworte Schwimmhalle; Busbahnhof: verblichen ...
Die Musik dazu war ambitioniert – aber sie fremdelte ein wenig. Womöglich war die Zeitspanne zwischen Entstehung von Text und Musik zu groß, um eine wirkliche Klammer herstellen zu können – oder war die original Reimannsche Straße, wie eben angerissen, schon gar nicht mehr fassbar?
Dem Abend tat das keinen Abbruch. Die zwei zusätzlichen Reimann-Texte, der zum Architekten, dem seine Liebe Flügel verlieh, und der zu Brigitte Reimanns „Lebensbilanz“ zwischen den Zeilen „Es war einmal ...“ und „... und es war gut so (und auch das Schlimme und Dreckige war in seiner Art gut“ rundeten die Soiree trefflich.
Vielleicht greift ja ein Deutschkurs die Idee von Martin Schmidt auf, einmal diese Straße als Aufsatz-Thema zu wählen. Wie das wohl mit Brigitte Reimann kontrastieren (oder harmonieren!) mag?

 

 

 

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