Ein Selbstportrait

Erstellt: Montag, 22. November 2010 Zuletzt aktualisiert: Sonntag, 13. Juli 2014

Zeitraum 1964–1966. In der Rückschau vermag kaum ein Mitglied des „Hoyerswerdaer Kunstvereins – Freundeskreis der Künste und Literatur“ - mehr genau zu sagen, wann diese Gemeinschaft sich „gründete“. Es war einfach so: Mitte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fanden sich bisher einander unbekannte junge Leute, die neu in die Plattenstadt gezogen waren und kleine Kinder hatten, in den Wohnungen zusammen. Sie lasen miteinander Hörspiel von Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, hielten Vorträge über Geologie, hörten Musik und zeichneten unter Anleitung Porträts und Stillleben oder malten Bilder. Sie brachten stets Freunde und Bekannte mit, so dass die Wohnungen zu klein wurden.

Literatur, bildende Kunst, Theater, Geschichte im Kulturbund

1 Später fand man den Weg zum Kulturbund. Vorträge über bildende Kunst, z.B. über van Gogh, Picasso, Leger oder die Impressionisten folgten.
Man diskutierte mit Theologen und Schriftstellern.
1969 wurde die kleine Galerie gegründet und mehr als zwanzig Jahre betrieben. Schwerpunkt bildeten die Arbeiten damals junger, wenig oder gar nicht geförderter Künstler. Atelierbesuche in Dresden, Berlin, Koserow usw. wurden zu Erlebnissen. So strahlte die Arbeit der Gruppe bald auf das Leben in der Stadt und darüber hinaus. Sie lebte und lebt noch heute vom Dialog mit Fachleuten. Es gab Empfehlungen von und hin zu Museen, Sammlungen, Forschungseinrichtungen, Theatern, kurz zu Menschen, die selbst Freude am Gespräch mit anderen Gruppen verspürten.


Die Galerie wurde der Rahmen, unter dessen Bildern Lesungen, Theateraufführungen, Konzerte, politische Diskussionen und Kinderveranstaltungen stattfanden. Diese Vielfalt verwirklichte sich ausschließlich in ehrenamtlicher Tätigkeit. Die Galerie kannte keinen Geschäftsführer oder Hausmeister, die Theaterabende keine „hauptamtliche“ Kasse oder Kartenbestelldienst. Da die DDR keine Vereinsbildung zuließ, verwirklichten die Mitglieder im „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ ein eigenes Programm

Exkursionen – Städte der Kunst

Der Kreis begann, die gelegentlichen kurzen Exkursionen in Ateliers oder Ausstellungen zu erweitern. Die Organisatoren setzten vor Theaterabende in Berlin Besuche von Kunstpräsentationen oder Museen, bei denen sachkundige Gesprächspartner die Führung übernahmen. Um Gästen lange Wege zu ersparen, führten die Freunde auch Schriftstellergespräche mit Christa Wolf, Stephan Hermlin, Heiner Müller und anderen in Berlin durch; sie besuchten Generalproben, bei denen häufig Regisseure oder Autoren Rede und Antwort standen.
Seit Mitte der achtziger Jahre organisierte der Kreis eigene Kulturexkursionen. Mit holländischen Freunden aus Rotterdam wird seit 1991 ein jährliches Treffen, jeweils wechselnd in Holland oder Deutschland, organisiert. Da wandelt man gemeinsam auf den Spuren von Künstlern und Schriftstellern, besucht Naturschutzgebiete in beiden Ländern oder die Maler in den Museen.

Öffentlichkeitsarbeit

Dieses vielfältige Miteinander hatte in der DDR kaum Möglichkeiten, sich öffentlich darzustellen. Mit der deutschen Einheit wurde das anders.

hoy

1992

wurde mit der Stadtverwaltung ein Heimatbuch „Geschichten und Geschichte von Städten und Dörfern“ erarbeitet, dessen Inhalt maßgeblich vom Kunstverein mitbestimmt wurde.

Spiegelungen

1997

gab der Kunstverein ein eigenes Büchlein „Hoyerswerda – Literarische Spiegelungen.“ heraus – eine Sammlung achtenswerter Stimmen von Schriftstellern zu dieser Stadt in der Lausitz, ihren Geschichten und ihren Wünschen.

Begenungen_und Erinnerungen

2005

„Brigitte Reimann (1933 – 1973). Begegnungen und Erinnerungen“ überschreiben Helene und Martin Schmidt ihre Reminiszenz auf Brigitte Reimann. Auf ca. 150 Seiten lebt die Autorin noch einmal auf, wird dem begeisterten Leser menschlich greifbar und in ihre Zeit umfassend und lebensnah eingeordnet.
„Helene und Martin Schmidt vermögen einen Eindruck zu geben von der Ausstrahlung, die von der Persönlichkeit Brigitte Reimann ausging [...]“, schrieb Georg Schirmers von der Hagener Universität dem Text voraus und lobt damit einen Essay, der den literarisch konträren Werdegang einer der anpassungsfähigsten und revoltierendsten Schriftstellerinnen in der DDR nachvollzieht.

spaziergang

2008

erschien die Dokumentation „Lebensraum Stadt. Aspekte städtebaulicher Entwicklung“, die als Präsentation, Zusammenfassung und Analyse die Ergebnisse
des ersten Brigitte-Reimann-Schreibwettbewerbs zum Nachlesen und Nachschauen bereitstellt.

lebensraum_stadt

 Seit dem Jahre 2003 führt der Verein regelmäßige Reimann-Spaziergänge durch, die entlang des von der Architektur der Stadt inspirierten Romans „Franziska Linkerhand“ durch die alten und neuen Bebauungsgebiete Hoyerswerdas führt, und die Besucher in angenehmer informativer Unterhaltung an die sehenswerten Plätze Hoyerswerdas leitet. Die kleine nebenstehende Broschüre erinnert die Gäste der anregenden Stunden auf den Pfaden, die die Autorin in Hoyerswerda hinterließ

„Was ich auf dem Herzen habe. Begegnungen mit Brigitte Reimann.“ titelt die neueste Herausgabe des Vereins. „Ich bereue wenig von dem, was ich getan, aber viel von dem, was ich gelassen habe.“ - so kommt Brigitte Reimann auf den ersten Seiten selbst noch einmal zu Wort. In diesem Sinne konnte der Freundeskreis es nicht lassen, förmlich in letzter Minute Familienmitglieder und Wegbegleiter der Autorin nach ihren Geschichten über und mit dem Freigeist zu befragen. Auf über 600 Seiten entstand ein umfassendes Porträt von Zeit und Raum des Lebens der Reimann.

Diese und viele andere Publikationen können in der Begegnungsstätte in Hoyerswerda, gelegen in der Reimann-Str.8, eingesehen und erworben werden.

Aktuelle Aktivitäten

Gegenwärtig richtet sich das Augenmerk der Vereinsarbeit auf die Probleme, die mit dem Erhalt seines kulturellen Anspruchs in Verbindung stehen. So gilt es, der geleisteten Arbeit eine Wohnstatt und Nachhaltigkeit zu geben, und vor allem die jungen Leute der Stadt ins kulturelle Boot zu holen. Fast forschend wird dabei nach neuen Ansätzen gesucht.
Mit der Brigitte-Reimann-Begegnungsstätte wird seit dem Jahre 2006 ein Fixpunkt geschaffen, der die Vereinsinteressen bündelt, sie in Beziehung setzt zu den Schwerpunkten der Stadtentwicklung, und sich nach und nach als bemerkenswerter Anlaufpunkt für Brigitte-Reimann-Liebhaber und Architekturinteressierte etabliert. Hier pausieren die Teilnehmer der regelmäßigen Reimann-Stadtspaziergänge , hier werden in gemütlichen Kaffeerunden Leben und Werk der Autorin
weitererzählt, und hier wird generationsübergreifend gestritten und ausgeglichen, wenn es in Expertenrunden um die Zukunft Hoyerswerdas geht. Die Betreuerinnen der Begegnungsstätte wissen so manche Anekdote zu erzählen und so manche lang gesuchte Forschungsarbeit zielsicher aus den Regalen zu kramen. Das Gästebuch und kleine Dankesgrußkarten aus aller Welt erzählen davon.

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