GrenzgängeR-Gespräch der Robert-Bosch-Stiftung mit Jaroslav Rudiš beim Hoyerswerdaer Kunstverein

Erstellt: Freitag, 10. Mai 2019 Zuletzt aktualisiert: Montag, 27. Mai 2019 Geschrieben von Christine Neudeck

Ein skurriler Trip mit der Eisenbahn durch die "Donaumonarchie" - heute.

GrenzgängeR - Gespräche mit dem tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš (*1972). Moderation Mirko Schwanitz

Jaroslav Rudiš (rechts) liest 2019 beim Hoyerswerdaer Kunstverein, Mirko Schwanitz moderiert. Jaroslav Rudiš ist ein leidenschaftlicher Erzähler. Im Rahmen der GrenzgängeR-Gespräche beim Hoyerswerdaer Kunstverein begeistere er seine Zuhörer ausnahmslos. Wenn Jaroslav Rudiš liest, wird die Welt hinter den Geschichten sichtbar, selbst Mirko Schwanitz, der die GrenzgängeR - Gespräche seit vielen Jahren begleitend moderiert, wurde von der Erzählfreude des tschechischen Autors förmlich mitgerissen.
Der neuste Roman  von Jaroslav Rudiš, "Winterbergs letzte Reise", bot dazu reichlich Anlass: viel Groteskes, Vieles, was nachdenklich machte und eine Menge Geschichtswissen über die Länder, die einmal zur Donaumonarchie gehörten, ein Vielvölkerstaat, der von 1867-1918 existierte und von den beiden Hauptstädten Wien und Budapest dominiert wurde.
Der Roman beginnt mit dem Satz: "Die Schlacht von Königgrätz geht durch mein Herz". Und so ist man mittendrin im außergewöhnlichen Geschehen um einen Sterbenden, namens Winterberg, der auf seine letze Reise geht, begleitet von einem jungen, engagierten Pfleger, der ihn mit seinen vielen Fragen noch einmal zum Leben erweckt hatte. Das zündende Wort war "Feuerhalle". Das Krematorium von Winterbergs Vater in Reichenberg, heute Liberec, hatte seine Kindheit geprägt, dort hatte er vom Vater gehört, dass Eisenbahnleichen, Straßenbahnleichen und Schwindsuchtleichen, Brandleichen und Fenstersturzleichen nicht schön seien, am wenigsten aber die, die man nach einer Schlacht beerdigen muss, von Schlachtfeldern, wo "die Erde, die vielen Toten nicht verdauen kann".
Die bittere Niederlage Österreichs im Krieg gegen Preußen bei Königgrätz im Jahr 1866 ist nicht vergessen, die Folge war die Gründung der Donaumonarchie, um gegenüber dem Deutschen Bund mit dem starken Preußen bestehen zu können. Diese Bitternis von Königgrätz wird das gesamte, mehr als 500 Seiten umfassende, Geschehen des Romans begleiten. Die Reise oder auch die "Überfahrt", wie der junge Jan Kraus seine Begleitung von Sterbenden bezeichnet, führt ihn mit Wenzel Winterberg per Eisenbahn von Berlin über Reichenberg und Königgrätz, Prag, Pilsen und Budweis, Brünn, Wien, Budapest und Zagreb bis nach Sarajevo, mit Stationen in weiteren unzähligen Orten dieses großen ehemaligen Reiches. Sarajevo in Bosnien und Herzegowina ist der Ort, an dem 1914 das Ende der Monarchie beginnt, mit der Erschießung des Thronfolgers der Habburger, Erzherzog Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie. In Sarajevo endete auch das Leben von Lenka, der großen Liebe Winterbergs, eine Halbjüdin, die er damals im Stich ließ und die auf der Flucht vor den Nazis in Sarajevo umkam.
Auf dieser Reise wird der Leser die Geschichte der Donaumonarchie kennen lernen, die großartigen Leistungen des Eisenbahnbaus, mit der "Überschienung" der Alpen und des Böhmerwaldes, wird unzählige spannende Geschichten hören und die Schönheit der Landschaft genießen können und wird schmerzhaft an die Greuel der Geschichte erinnert. Jaroslav Rusiš erzählt vieles anhand eines Baedeker- Reiseführers aus dem Jahr 1913, der Detail genau gearbeitet ist wie ein Lexikon und der nicht dem Vergessen anheimfallen sollte.
Immer wieder taucht im Roman der englische Satz auf: The beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins - Die schöne Landschaft der Schlachtfelder, der Friedhöfe und Ruinen - wo der Mensch immer erst danach etwas begreift, denn "wir wissen, wie und wo es geendet hat... doch wir wissen nie, wann es angefangen hat... angefangen hat zu bröckeln".
Und genau das ist ein Anliegen von Jaroslav Rudiš, die Angst um den Zerfall unseres heutigen Europas, weil der Mensch von Krieg, Tod und Verderben scheinbar nicht lassen kann. Schon deshalb ein nicht nur literarisch- ästhetischer Grund, das Buch zu lesen, der Roman ist mit Gewissheit eine dringende Aufforderung zum Nachdenken darüber, was wir heute in Europa tun sollten und was nicht.

Jaroslav Rudiš (rechts) signiert sein Buch "Winterbergs letzte Reise" beim Hoyerswerdaer Kunstverein Ein von Jaroslav Rudiš begeisterter Leser (links), der zur Zeit in Wales lebt, hatte alle Bücher zum Signieren mitgebracht, die von Rudiš bisher erschienen sind.

 

 

 

 

 

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