Roger Willemsen: Wer wir waren: Zukunftsrede, vorgetragen von Ines Burdow und Melanie Seeland

Erstellt: Sonntag, 17. März 2019 Zuletzt aktualisiert: Montag, 25. März 2019 Geschrieben von Christine Neudeck

Mensch, werde wesentlich

Roger Willemsen ( 1955-2016): Wer wir waren: Zukunftsrede.

Ines Burdow Melanie Seeland Für eine Matinee beim Hoyerswerdaer Kunstverein hatten sich die Berliner Schauspielerinnen, Ines Burdow und Melanie Seeland, die Zukunftsrede von Roger Willemsen aus dem Jahr 2015 ausgesucht, die vom Autor als Fundus für ein neues Buch vorgesehen war, das leider nicht mehr fertig gestellt werden konnte, weil ihm der Krebs dazwischen kam.
Roger Willemsen schreibt auf, was wir alle schon lange wissen, es aber bei dem Wissen belassen und untätig bleiben. Der Titel seines Buches spricht von unserer Vergangenheit, wer wir waren als Menschheit, und hält eine Rede aus der Zukunft, dabei geht es ihm aber nur um die Gegenwart, in der unser Tun und Handeln eine Zukunft ermöglicht oder auch nicht.
Die rasante Geschäftigkeit unserer Tage reflektiert er aus der Sicht der Nachgeborenen. Und das hört sich bedrohlich an, eine Tendenz von Sterben, Verkümmern, Verdursten, Schmelzen, Ertrinken oder Verbrennen, die nicht aufzuhalten ist. "Die Welten der Zeitung, der Wissenschaft, der Literatur und Fotografie sind kontaminiert von den Bildern des Unheils."
Das Menschsein, das es zu erhalten gilt, hat nach Roger Willemsen begonnen, als vor 3,5 Millionen Jahren ein Hominide in eine Höhle gefallen ist, dessen Bestimmung es war, der erste Mensch zu sein. Seitdem ist der Mensch in der Krise, die sich heute als Krise der gesamten Natur herausstellt, der wir immer neue Namen geben, "Klimaerwärmung, Übersäuerung der Meere, Abschmelzen der Gletscher, Migration, Burnout, Glaubens- und Handelskriege, Überbevölkerung, Artensterben" und und... Das alles muss uns nicht nur bewusst werden, sondern schmerzlich bewusst sein. Damit stellt Willemsen auch die Frage nach dem Bewusstsein überhaupt, wann ist dieser Begriff entstanden? Geprägt wurde der Begriff vom Aufklärer Christian Wolf im Zusammenhangmit dem Wort Aufmerksamkeit. Aber erst der Mediziner Emil du Bois-Reymond nennt das Unbegreifliche im Erkennen der Natur Bewusstsein. Heute allerdings, meint Willemsen, organisieren wir unser Leben gegen das Bewusstsein, gegen die Natur, gegen die Vernunft, gegen Souveränität und Selbstbestimmung.
Es lohnt sich also, das Büchlein vollständig zu lesen, denn zum Schluss leuchtet neben der Weltuntergangsstimmung ein Fünkchen Hoffnung auf, wenn der Imperativ, der schon vor Jahrhunderten erdacht wurde, Mensch werde wesentlich, auch an uns ergeht und uns eine Wende zugetraut wird. Oder, wenn die technischen Superleistungen eines Aufenthaltes im Orbit zu der einfachen, emotionalen Erkenntnis führen, dass wir alle Kinder der Mutter Erde sind und dass Respekt und Achtung vor der Schöpfung nie so tief empfunden wurde wie bei einer Betrachtung der Erde aus dem Weltraum, was aber hieße, wir müssten endlich bewusst in der Gegenwart ankommen, "die einmal die unsere gewesen sein wird".
Dank der hohen Sprachgenauigkeit und der Sprachmelodien von Ines Burdow und Melanie Seeland wurde die Matinee zu einem Hör- und Denkvergnügen mit nachhaltiger Wirkung..

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