Lesung mit Eleonora Hummel im Rahmen GrenggängeR- Gespräche zu ihrem Roman "Die Fische von Berlin"

Erstellt: Freitag, 22. März 2019 Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 30. Mai 2019 Geschrieben von Christine Neudeck

Vom langen Arm der Heimat

Eleonora Hummel liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein Lesung mit Eleonora Hummel im Rahmen GrenggängeR- Gespräche der Robert- Bosch-Stiftung. Moderation Mirko Schwanitz.

Eine Plattform bietet jungen Schriftstellern seit vielen Jahren die Robert-Bosch-Stiftung in Bonn. Sie unterstützt Autoren und Aktivitäten in der ganzen Welt im Sinne des Stiftungsgründers, des Industriellen Robert Bosch (1861-1942), für den Zusammenhalt durch Bildung," für menschenfreundliches Denken und Verhalten".
Autoren, die sich mit dem Raum Osteuropa auseinandersetzen, dort zu Hause sind oder Literatur zu diesen Ländern veröffentlichen, waren in den letzten Jahren beim Hoyerswerdaer Kunstverein zu Gast. Die Lesungen werden von der Stiftung gefördert und es wird besonderer Wert darauf gelegt, dass jungen Menschen die Bücher nahe gebracht werden. Deshalb lesen die Autoren auch jeweils an einem Gymnasium der Stadt, meistens Dank der Initiative des Direktors, Uwe Blazejczyk, am Leon-Foucault-Gymnasium.
Den Beginn im Jahr 2019 machte die Schriftstellerin Eleonora Hummel mit ihrem Roman "Die Fische von Berlin". Für diesen Roman erhielt sie den Adalbert- von-Chamisso-Preis für auf Deutsch schreibende Autoren, deren Werk einen einschneidenden Kulturwechsel zum Thema hat.
Diesen gleich mehrfachen Kulturwechsel erlebten die Schüler am Vormittag und die Literaturinteressierten am Abend mit Eleonora Hummel in einer sehr berührenden Geschichte über den Großvater der Autorin.
Eleonora Hummel ist 1970 in Zelinograd geboren, dem heutigen Astana, der Hauptstadt von Kasachstan. Der Weg ihrer Familie ist ein Weg von Ankunft und Abschied, ohne je zur Ruhe zu kommen.
Der Lebensweg des Großvaters ist einer von vielen Deutschen in Russland, im Roman wird er von der neugierigen, ein bisschen naseweisen Enkelin Alina über sein Leben ausgefragt, das etwa um 1912 in einem Dorf der Wolgadeutschen beginnt. Wolgadeutsch deshalb, weil Katahrina II., die Große, Kaiserin im russischen Zarenreich von 1762-1796, deutsche Bauern und Handwerker mit ihren Familien in Russland angesiedelt hatte, um das Land zu stärken. Vergünstigungen wie Steuerfreiheit, Religionsfreiheit und Verfügungsrecht über ihr Land war ihnen zugesichert. Ein großer Teil von ihnen lebte in der Nähe der Wolga. Spannend, mit kurzen Sätzen erzählt Eleonora Hummel vom Leben der Deutschen in der Ukraine, von den Jahren 1931/32, den Säuberungsaktionen Stalins und der Verschleppung in Arbeitslager. Mit dem Stalin-Hitler-Pakt verbessert sich die Lage der Russlanddeutschen kurzzeitig. Nach dem Überfall der Deutschen auf Russland werden die Wolgadeutschen nach Kasachstan deportiert. Der Großvater flieht zurück in sein altes Dorf, das inzwischen deutsche Besatzungszone ist, wird dort Bürgermeister und flieht mit der deutschen Wehrmacht zurück nach Berlin. In Berlin-Ost verliebt er sich in das Mädchen Thea, die unbedacht seine Identität verrät und er nun für 25 Jahre als Volksfeind und Kollaborateur nach Sibirien verbannt wird. Nach dieser langen Zeit sucht er seine Familie in Kasachstan und lebt seither unerkannt bei der Schwägerin, der Großmutter von Alina, als "Großvater", obwohl er gar nicht ihr Mann ist, sondern dessen Bruder, der als Volksfeind irgendwo erschossen worden war. Fast nichts erzählt er der Familie von seiner Zeit in Sibirien, nur, dass er Salzhering und Sauerkraut nicht mehr essen kann und dass er immer einen Ofen bis zur Rotglut heizen muss. Das Mädchen Alina allerdings entlockt ihm auch das Geheimnis vom Taschenmesser unter seinem Kopfkissen und sein Verhältnis zu der jungen Frau in Berlin, die ihn damals unbedacht verraten hatte. Diese Geschichte wollte er vergessen, wie vieles andere auch.
Der Vater von Alina träumte lebenslang von einer Heimkehr nach Deutschland, stellt unzählige Anträge, verlegt den Wohnort der Familie von Kasachstan in den Nordkaukasus, weil er sich dort größere Chancen für eine Ausreise erhofft. Die Zeit drängt, da der Bruder von Alina bald volljährig ist und somit in den Krieg nach Afghanistan ziehen müsste. 1982 wir dem Ausreiseantrag stattgegeben, die Familie kann nach Deutschland auswandern, das Mädchen Alina, alias Eleonora Hummel, ist zu diesem Zeitpunkt 11 Jahre alt. Die Familie wohnt seitdem in Dresden, Großvater und Großmutter bleiben im Kaukasus, Großvater stirbt kurz vor einer möglichen Ausreise. Das Mädchen Alina sucht nun seine Spuren in Berlin, wo er eine "Braut" hatte und an einem See mit einer Allee Kastanien "die Fische von Berlin" fing.
Die Lesungen von Eleonora Hummel werden von dem 2017 gegründeten Kulturreferat für Russlanddeutsche unterstützt, das seinen Sitz in Detmold hat. Das Referat will helfen, Geschichte und Gegenwart der Deutschen aus Russland zu bewahren und den Rückkehrern helfen, in der neuen alten Heimat "heimisch" zu werden.

Die Lesung mit Eleonora Hummel wurde gefördert von der Robert-Bosch-Stiftung in Bonn und dem Kulturreferat für Russlanddeutsche Dank an die Eleonora Hummel (Mitte) und Mirko Schwanitz

 

 

 

 

 

 

Mir freundlicher Genehmigung von Sächsischer Zeitung, Hoyerswerdaer Tageblatt, in dem eine gekürzte Fassung erschien.

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