Ein Zeitzeugenprojekt der KuFa Hoyerswerda, bei der ein Film über den Freundeskreis der Künste und Literatur aus dem Jahr 1976 gezeigt wird.

Erstellt: Dienstag, 26. März 2019 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 02. März 2019 Geschrieben von Christine Neudeck

Café "Auszeit" wird zum Café "Inside"

1.Gesprächsrunde zum Fa-Zeitzeugen-Projekt "Zukunftsstadt Hoyerswerda - Wunschvorstellung und Realität“ im Café Auszeit im Bürgerzentrum Braugasse in Hoyerswerda

Gesprächsrunde in der KuFa Hoyerswerda mit Zeitzeugen. Von links, Peter Biernath, Siegfried Wagner, Dorit Baumeister, Siegfried Palinske, Horst Frankowiak, Dr. Günter Seifert und Olaf Winkler. Wir sind auf der Welt, um das Leben zu gestalten, in Zeiten des Aufbruchs ebenso wie in Zeiten des Umbruchs. Unter diesem Motto lädt Olaf Winkler, Journalist in Hoyerswerda, zu einem Zeitzeugenprojekt der KuFa ein und beginnt mit einer ersten Gesprächsrunde zum Thema: "Die Vision und das Scheitern der (sozialistischen) Zukunftsstadt. Die 1960er bis 1980er Jahre" - Können Motivationen des Aufbruchs für spätere restriktive Zeiten Ansporn sein?
Anhand gut recherchierter historischer Unterlagen stellte Olaf Winkler Thesen für die erste Gesprächsrunde auf, die er gemeinsam mit Dorit Baumeister moderierte. Es beginnt 1955 mit der euphorischen Behauptung, wir bauen eine Stadt der Zukunft, diese wird abgeschwächt durch die Verlagerung der Zuständigkeiten von der Stadt in die Bezirkshauptstadt und endet mit der These, diese Stadt ist keine Stadt, es ist Wohnungsbau ohne Städtebau, Technologie und Ökonomie verhindern kreativen Städtebau. 
Als Gesprächspartner für dieses erste Gespräch, das die Anfänge beleuchtet, sind "Insider" geladen, Menschen, die diese Zeit durch ihre Entscheidungen mit gestaltet haben: Dr. Günter Seifert, Direktor für Wissenschaft und Technik von 1964-1969 im Gaskombinat Schwarze Pumpe, Siegfried Wagner, Stadtarchitekt 1964-1969, Siegfried Palinske, Stadtarchitekt von 1969-1990, Horst Frankowiak, 1. Sekretär der SED-Kreisleitung von 1983 bis1990, Peter Biernath,  Architekt im Aufbaustab und im WBK/HAG von 1959-1989. 
Zur Eistimmung auf den Abend zeigt Olaf Winkler einen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1976 "Eine Stadt wird geboren wie ein Kind". Gedreht wurde der Film vom Filmstudio Babelsberg, unter der Regie von Günter Jordan in Zusammenarbeit mit Maxie Wander. Junge Leute in der neu entstehenden Stadt Hoyerswerda versuchen durch Beschäftigung mit Kunst ihrem Leben und dem ihrer Kinder einen Sinn zu geben. "Hauptdarsteller" ist der Freundeskreis der Künste und Literatur, der von Martin Schmidt geleitet wurde. Ein stimmiger Auftakt, da die Zeit der 60er bis 80er Jahre authentisch zum Ausdruck kommt. 
Dr. Günter Seifert beschreibt die Anfänge so: Es ist das Jahr 1955 in der ehemaligen DDR herrscht der Hunger der Nachkriegsjahre, die Städte sind zerbombt, ebenso die Großbetriebe. Die DDR ist ein Rohstoff armes Land, Steinkohlevorkommen liegen in Westdeutschland oder in Schlesien, erfahrene Arbeitskräfte stehen kaum zur Verfügung, sie liegen nach diesem unsäglichen Krieg auf den Schlachtfeldern zwischen Stalingrad und dem Ärmelkanal begraben oder arbeiten im Rahmen von Reparationsleistungen in der Sowjetunion. So kommt einer ganz jungen Generation eine ganz große Aufgabe zu. Die Braunkohleförderung im Lausitzer Revier muss innerhalb kürzester Zeit mehr als verzehnfacht werden, in Schwarze Pumpe soll aus Kohle Koks für die Herstellung von Stahl gewonnen werden, Kraftwerke für die Verstromung müssen mit einer Leistung gebaut werden, die den Hauptanteil der Republik abdeckt, Brikettfabriken werden benötigt, Stadtgas ist herzustellen und eine Anlage zur Veredlung von Braunkohle zu Benzin. Die nachfolgenden Erfordernisse liegen auf der Hand, tausende Arbeiter brauchen tausende Wohnungen, brauchen Versorgungseinrichtungen, brauchen Lehrer, Schulen und Kindergärten, brauchen Ärzte und Krankenhäuser. Und das alles schnell, schnell, schnell. In den anfänglich provisorischen Wohnunterkünften blieben die Arbeiter nicht lange, von 6000 eingestellten gingen 5000 wieder weg. Eine Stammmannschaft war so nicht zu bilden. 
Eine neue Stadt, Hoyerswerda Neustadt, im Windschatten des Kombinates, wird geplant, Ziel etwa 30.000 Einwohner. Peter Biernath beschreibt die Differenzen der Stadtplanung zwischen Vision und Realität; Kapazitäten für die im Stadtplan vorgesehenen Extras, wie Theater, Kaufhaus, Sportanlagen, Verwaltungseinrichtungen gab es erst Jahre später oder nie. Die Wohnungen allerdings wurden menschenwürdig errichtet, jede Wohnung mit genügend Licht, in Bad und Küche mit Warmwasser, ferngeheizt und bezahlbar. Wege zur Kaufhalle, zur Schule, zum Kindergarten - ohne Autoverkehr. Jede fertig Wohnung wurde sofort belegt, aber die Anzahl reichte nie aus, obwohl mit völlig neuen Technologien zur Fertigung von Häusern gearbeitet wurde, Vorfertigung von Großplatten mit fertiger Fassade, mit eingebauten Fenstern oder Türen, eingelegter Elektro- und Sanitärinstallation.
Siegfried Wagner, der Stadtarchitekt der 60er Jahre, war über Hermann Henselmann und Brigitte Reimann nach Hoyerswerda "beordert" worden. Brigitte Reimann lobt ihn als Macher, der anpacken kann. In seiner Amtszeit wurde der Wohnkomplex "Kühnichter Heide" geplant und hatte ein künstlerisch besonders reich ausgestattetes kleines Zentrum. Insgesamt war ihm die Stadt allerdings zu spießig, obwohl er heute sagt, "Hoyerswerda ist eine lebendige Stadt, man kann hier gut leben." Sein Nachfolger im Amt, Siegfried Palinske, beschreibt seine Zeit als Stadtarchitekt als besonders schwierig, weil die geplante Einwohnerzahl unverhältnismäßig erhöht wurde, obwohl die Voraussetzungen dafür nicht gegeben waren, es entstanden unansehnliche Betonwüsten. Allerdings kann er auch berichten, dass einige kleine Projekte zur Verbesserung der Lebensqualität realisiert wurde, die in keiner Stadtplanung erscheinen: Kleingartenanlagen in großer Zahl, der Freizeitkomplex Ost, Finnhütten in Hoyerswerda und am Knappensee und vieles andere mehr. Dr. Seifert ergänzt, dass diese Projekt nur möglich waren, weil es zwischen Stadt und Kombinat eine Vereinbarung gab, dass man gemeinsam mit allen Betrieben und Firmen der Stadt auf kürzestem Weg , ohne administratives Eingreifen, Verbesserungen schaffen musste.
Horst Frankowiak berichtet ebenfalls von Entscheidungen, die damals ohne großen bürokratischen Aufwand getroffen werden konnten, der Bau eines Industriegeländes mit Kraftverkehr, Molkerei, Großbäckerei und Großwäscherei, vom Bau eines Fußgängertunnels für die Schulkinder zwischen den Wohnkomplexen "Seidewinkel" und "Kühnichter Heide" quasi über Nacht. Von allen Beteiligten wird bemängelt, dass die Schwarze Elster noch immer wie ein "Grenzfluss" zwischen Altstadt und Neustadt empfunden wird, obwohl sich die Stadt glücklich preisen könnte, dass so ein lieblicher Fluss durch ihr Territorium fließt.
Der Abend kam bei den Zuhörern gut an, hoffentlich bleibt es keine Veranstaltung der Historie, da die Reihe als Vorarbeit dienen soll, die "Zukunftsstadt Hoyerswerda" zu gestalten. Verantwortliche aus dem Rathaus, besonders aus der Abteilung der Stadtplanung fehlten. 
Olaf Winkler kann für den Abend folgendes Resümee ziehen: Es gab diese zwei ungewöhnlichen Visionen von moderner Industrie und einer Stadt der Moderne, die mit dem Zusammenbruch der DDR starben, die allerdings für die neue Generation Anlass zum Nachdenken und Nachfühlen geben sollten.

Mit freundlicher Genehmigung von Sächsische Zeitung, Hoyerwerdaer Tageblatt.

Nachtrag von Olaf Winkler:
Ich muss meine letzte These korrigieren. Die Zeitzeugen haben mich überzeugt. Mir war das Ausmaß und die Übereinstimmung darüber, wie kreativ hier in Hoyerswerda gemeinschaftlich improvisiert wurde, nicht klar. Ich formuliere deshalb als Abschlussthese: Unterhalb des Radarschirms von Berlin und Cottbus ist aus dem Mangel und aus der Not heraus in Hoyerswerda, wie es scheint versehentlich die erste „Bürgerstadt“ der Republik entstanden.
Ein Zuhörer formulierte es sarkastisch so: das Hoyerswerda der 1960er bis 1980er Jahre wurde geprägt von „Schwarzbauten“ und „sozialistischer Mafia“.

 

 

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