Reisen in Aitmatows Welt mit Irmtraud Gutschke und ihrem Buch: Das Versprechen der Kraniche

Erstellt: Freitag, 18. Januar 2019 Zuletzt aktualisiert: Samstag, 26. Januar 2019 Geschrieben von Christine Neudeck

Mythen aus fernen Ländern sind uns erstaunlich nahe

Irmtraud Gutschke liest aus ihrem Buch: "Das Versprechen der Kraniche" - Reisen in Aitmatows Welt, beim Hoyerswerdaer Kunstverein. 

Irmtraud Gutschke liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein aus ihrem Buch: Das Versprechen der Kraniche - Reisen in Aitmatows Welt und bringt weitere Bücher mit. Ein Abend mit Irmtraud Gutsche zu Tschingis Aitmatow (1928-2008) brachte das Wissen zu diesem Autor ins Gedächtnis zurück, zeigte Liebenswertes , aber auch erschütterndes Neues. "Auf poetische Weise gibt er Kunde aus einer fernen Welt", ist im Vorwort zu "Das Versprechen der Kraniche" zu lesen. Diese poetisch-leidenschaftliche Schreibweise Aitmatows begeistert Leser in der ganzen Welt, bis heute. Viele waren gekommen, weil sie mit den Büchern Aitmatows aufgewachsen sind, das neue Wissen um Aitmatow bereicherte nun zusätzlich.
Am 12. Dezember 2018 wäre Aitmatow 90 Jahre alt geworden. Leider wird an die Großen der Literatur immer erst wieder erinnert, wenn ein Jahrestag ins Haus steht. Aitmatow wurde in Scheker in Kirgisistan geboren, das damals zur Sowjetunion gehörte und heute eine selbständige Republik in der Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) ist. Sheker liegt im Norden des Landes, am Rand des Tienschan-Gebirges. Aitmatow lebte hier in einer gebildeten Familie, lernte aber auch das Leben der Nomaden kennen, die in jedem Sommer mit Vieh und Jurte zu den Gebirgsweiden ziehen und ein entbehrungsreiches, karges Leben führen. Diese Leben lehrt, die Natur zu respektieren, die Mutter Erde und den Herrn des blauen Himmels. Von der Großmutter, die ihn alljährlich auf diese Weiden mitnahm, lernt Tschingis die Mythen, Lieder und Märchen der Kirgisen kennen, die lange Zeit nur mündlich überliefert wurden und heute in seinen Büchern weiter leben. Mutter Erde wird in "Goldspur der Garben" gefragt: Können die Menschen ohne Kriege leben? Die Antwort: "Ihr Menschen auf der ganzen Welt- was fehlt euch- Land? Hier bin ich, das Land, die Erde... ich bin unendlich, ich bin grenzenlos, ich bin tief, ich bin hoch, ich habe Platz für Euch alle." Irmtraud Gutschke ist sich sicher, dass dieses Wissen der Mythen und Sagen aus der Kindheit der Menschheit auch zu uns heraufgekommen ist.
Aitmatow wächst zweisprachig auf, studiert später in Moskau und schreibt seine Bücher in Russisch.
Irmtraud Gutschke konnte im Rahmen ihrer Tätigkeit als Redakteurin in der DDR beim "Neuen Deutschland" Aitmatow persönlich kennen lernen, besuchte in ihn in seiner Heimat, reist noch heute zu allen Kongressen mit dem Thema Aitmatow, von Moskau über Sofia und Washington bis Bischkek, und stellt in ihrem Buch die Dichtungen Aitmatows in einen Kontext zu seinem Leben und zu seiner Zeit. Genau hingehört in hingesehen hat sie in jedem Fall und das können die Zuhörer an der leidenschaftlichen Art ihres Vortrages auch spüren, Verehrung für Werk und Person gleichermaßen.
Zum lebenslangen Trauma wird für den 9-jährigen Tschingis die Verhaftung und der Tod des Vaters, der 1937 in Moskau den Säuberungsaktionen Stalins zum Opfer fällt. Die Mutter flieht mit den Kindern zurück nach Kirgisien. Er ist das Kind eines Verräters und wird darüber schweigen. Dieses Trauma findet man in vielen seiner Erzählungen über kleine Jungen wieder, wie man heute weiß. Ebenso verschweigt er in der Öffentlichkeit die Beziehung zur wunderschönen Tänzerin Bjubjusara, in seinen Büchern aber ist diese besondere Liebe hundertfältig präsent und macht das Lesen zu einem einmaligen Genuss. Ein Grund mehr, das Buch von Irmtraud Gutschke zu lesen und natürlich auf's Neue die Bücher Aitmatows. Sein letzter Roman "Schneeleopard" (2006) ist eine ohnmächtige Anlage an die alles überschwemmende Marktwirtschaft auch in Kirgisien, die die Zerstörung von Tier und Natur in Kauf nimmt, ist aber auch ein beharrliches Festhalten an Idealen und Sehnsüchten des Menschen, dem es auferlegt ist, "an jedem Tag erneut ein Mensch zu werden".
Aitmatow stirbt 2008 in einem Krankenhaus in Nürnberg, nachdem er bei Filmarbeiten in Kasan zusammen gebrochen war. Sein Grab befindet sich auf dem Gedenkfriedhof bei Bischkek, der 1991 errichtet worden war, um die "Gebeine der Väter" aus einem Massengrab zu bestatten, darunter der Vater Tschingis Aitmatows, Torekul Aitmatow.
Zu den lesenswerten Büchern Aitmatows zählen noch heute: "Djamila"," Der erste Lehrer", "Goldspur der Garben", "Der weiße Dampfer", "Frühe Kraniche", "Abschied von Gülsary", "Die Richtstatt", "Der Tag zieht den Jahrhundertweg" und "Der Schneeleopard - Wenn die Berge stürzen".

    

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