Uwe Jordan liest aus dem Roman "Die dritte Hälfte" der chinesischen Schriftstellerin Ling Xi

Erstellt: Donnerstag, 13. September 2018 Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 19. September 2018 Geschrieben von Christine Neudeck

China und seine Dichter

Uwe Jordan stellt die chinesische  Schriftstellerin Ling Xi vor und liest aus ihrem Roman "Die dritte Hälfte".

Uwe Jordan liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein Ling Xi ist eine chinesische Schriftstellerin, die in einem französischen Wirtschaftsunternehmen in Paris arbeitet, das macht neugierig. Neugierig macht ebenfalls der Titel ihres Romans "Die dritte Hälfte". Was soll die dritte Hälfte sein, wenn es mathematisch gesehen nur zwei Hälften geben kann? All diesen Fragen ging Uwe Jordan in einer Lesung zu diesem Roman beim Hoyerswerdaer Kunstverein nach. Seine Begeisterung für Dichter aus aller Welt, die bewegt, was die "Welt im Innersten zusammen hält", scheint ungebrochen. 
Seinen lernbegierigen Zuhörern hatte er bereits Bücher des Autors Mo Yan vorgestellt, der die harte Realität in seinem Heimatland China mit Bildern von Mystik und Magie verschlüsselt. Die Bücher Mo Yans fanden weltweit Beachtung und er erhielt 2012 den Literaturnobelpreis. 
Ling Xi wurde 1972 in Chongqing, einer Millionenstadt in Zentralchina, geboren, studierte Literaturwissenschaften in Wuhan und Shanghai, später noch Wirtschaft. Seit 1998 lebt und arbeitet sie in Paris. 
Ling Xi beschreibt das heutige China als ein Land im Aufbruch, seit der Öffnung 2001 für den Welthandel, mit allen daraus resultierenden Widersprüchen, so widersprüchlich, dass das Land nur noch aus zwei Hälften zu bestehen scheint, die wahrgenommen werden. Es gibt aber eine dritte Hälfte, und damit meint Ling Xi möglicherweise die wirkliche Hälfte aller Chinesen, das sind die allein Gelassenen, die keiner schätzt, keiner beachtet, keiner versorgt und im weitesten Sinn auch keiner braucht. In diesem Milieu siedelt sie die Geschichte ihrer Protagonisten an. Ein junger Mann, Guo Leda, war vor der Öffnung Chinas dem Mainstream gefolgt und hatte nach Abschluss seines Studiums eine Arbeit in einer Fabrik begonnen, um nicht als intellektuell zu gelten und um zu den Arbeitern zu gehören, die etwas zu sagen hatten. Er arbeitet als Schweißer in einer maroden Fabrik, die ebensolche Schalter herstellt, deren Qualität der Konkurrenz auf dem Weltmarkt nicht gewachsen ist. Die Arbeiter stehen nach der Öffnung der Wirtschaft für den Welthandel beinahe vor dem Nichts. Guo Leda wird trotzdem über Nacht berühmt, weil er als junger Mann die charismatische 69-jährige Han Saite heiratet, die zudem noch Analphabetin ist. Journalisten aus aller Welt reisen an und berichten von diesem Ereignis "wahrer Liebe". Sehr ausführlich und genau schildert Ling Xi das beschwerliche Leben der Han Saite im China des 20.Jahrhunderts, dessen Wirren sie mit Ruhe und Gelassenheit übersteht. 
Als das neue China seine Tore öffnet, wird ihre Straße in Wuhan zum Schauplatz des neuen China. Es gibt zwei Menschengruppen, die plötzlich das Sagen übernehmen und sich wechselseitig bekochen, die eine Hälfte für die andere Hälfte; die Habenichte, die verkrachten Existenzen, die Studenten und Han Saite gehören nicht dazu. Sie sind unsichtbar geworden für die Gesellschaft. 
Wer genau hinsieht, erkennt das Anliegen der Autorin, eine sarkastische Metapher auf eine Heirat des alten China mit dem neuen, eine unüberlegte Ehe, die zum Scheitern verurteilt ist. Nach der Scheidung von Han Saite nennt sich Guo Leda nunmehr Ye Leda. Wenn man Google trauen kann, wandelt sich der Vorname wörtlich übersetzt vom "Land" zum "Großvater". Ob mit dem Nachnamen Leda die schöne Leda gemeint ist, die Zeus in Gestalt eines Schwans besucht? 
Am Ende sucht sich Ye Leda eine jüngere Frau, doch die alte Frau rächt sich an ihrer Rivalin und Ye Leda stürzt sich von einem Dach. Zum Schluss lässt Ling Xi den Erzähler sagen: Der Tod von Ye Leda war ebenso lächerlich und nutzlos wie unser eigenes Leben.

Das Buch ist in französische Sprache geschrieben und wurde von Claudia Steinitz ins Deutsche übersetzt, leider tötet in dieser Übersetzung gelegentlich der Dativ den Genitiv, schade.

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