"Sieben Reiter verließen die Stadt", ein Roman von Jean Raspail, vorgestellt von Uwe Jordan.

Erstellt: Donnerstag, 16. August 2018 Zuletzt aktualisiert: Sonntag, 02. September 2018 Geschrieben von Christine Neudeck

Das Reale in surrealer Verkleidung

"Sieben Reiter verließen die Stadt", ein Roman von Jean Raspail, vorgestellt von Uwe Jordan.

Uwe Jordan Jean Raspail ist bekannt für seine hellsichtigen Visionen der Zukunft. Einen seiner, "Das Heerlager der Heiligen", stellte Uwe Jordan bereits beim Hoyerswerdaer Kunstverein vor. Dieser ist im Jahr 1973 geschrieben und nimmt die Flüchtlingsströme, die heute Europa erreichen, vorweg und zeigt die Ohnmacht der Länder, in die sie flüchten.
Eine ähnlich düstere Vision bildet den Stoff für den Roman "Sieben Reiter verließen die Stadt". Der Originaltitel verortet das Geschehen im Stil des Mittelalters genauer: " Sieben Reiter verließen die Stadt. In der Abenddämmerung zogen sie durch das nicht mehr bewachte Westtor der untergehenden Sonne entgegen". Wie sich beim Lesen herausstellt, ist der Sonnenuntergang kein romantischer, sondern der unaufhaltsame Untergang, dem die Reiter entgegen ziehen.
Eine einsame Burg, umgeben von Krankheit und Niedergang, verlassen von den meisten Einwohnern, ein Markgraf, der nichts mehr zu regieren hat. Er sendet seine letzten jungen Männer aus, nach den Ursachen des Endes ihrer erträumten Welt zu suchen. "Wir werden suchen müssen; jenseits dessen, was wir kennen und dessen, was wir nicht kennen." Kunde sollen sie bringen, von dem, was sie sehen. Noch sieben Pferde sind im Stall und die Reise geht ins ungewisse Weite. Eine winzige Hoffnung bleibt mit dem Markgrafen zurück, dass die sieben Reiter seine Tochter und ein Land finden könnten, das noch bewohnbar wäre. Denn im eigenen Land ist alles wüst, die Ressourcen verbraucht. Diese Boten sind keine apokalyptischen Reiter, die den nahenden Untergangs verkünden, diese Sieben wollen dem Untergang entgehen. Noch bevor sie außer Reichweite sind, verkünden Kanonenschüsse den Tod des Markgrafen.
In einem absurden, unwirklichen Erzählstil schildert Raspail die weiteren Ereignisse, wobei man nie genau weiß, in welches Jahrhundert, in welchen gesellschaftlichen Konsens oder in welche Landschaft man die Geschehnisse verorten sollte, bis man spürt, dass dieses Surreale das Reale unserer eigenen Zeit ist, dass hier nicht düstere Visionen geschildert werden, sondern Anzeichen von einer Endzeit, die in unserem Dasein schon begonnen hat.
Uwe Jordan wählte gekonnt die Texte aus, die den Zuhörern das Anliegen des Buches nahe bringen, Texte, die unter die Haut gehen, die betroffen machen mit einem Blick auf eigenes oberflächliches Leben.
Auf dem Weg der sieben Reiter gibt es Überlegungen, einen von ihnen mit der Kunde vom Verlauf der Suche in das Heimatland zu schicken, der dann wieder zur Truppe zurück kehren soll. Doch das macht keinen Sinn, wenn sie jetzt 16 Tage unterwegs sind, sind sie schon 48 Tage von der Burg entfernt, denn der Bote bräuchte 16 weitere Tage zurück und weiter 16, um wieder zur Truppe zu gelangen, er könnte sie also niemals wieder erreichen, da sie inzwischen 32 Tage weiter geritten wären. Bewohnbares Land haben sie noch nicht gefunden. Eher noch Schlimmeres, in einer Schule erleben sie, wie Kinder mitten im Puppenspiel zu einer Meute hasserfüllter Monster werden.
Von sieben Reitern geht einer nach dem anderen verloren, bis auf zwei, der Oberst und der junge Kadett. Ihnen werden die Pferde gestohlen und trotzdem geben sie nicht auf, der Fluss, die rettende Burg ist in neblige Schleier gehüllt und unerreichbar. Was sie erreichen, ist ein überfüllter Zug, widerlich und schmutzig, der durch eine triste Landschaft fährt, ihr neues Zuhause.
Allein das Lesen der Gedichte Appolinaires, lässt sie ihr Schicksal ertragen, des Guillaume Appolinaire, der dem Realen durch das Surreale neues Leben einhaucht.
Am Ende verändert Jean Raspail den langen Titel des Buches um eine Nuance Hoffnung und um einen zart angedeuteten neuen Tatendrang: "Sieben Reiter verließen die Stadt. In der Abenddämmerung zogen sie durch das nicht mehr bewachte Westtor der untergehenden Sonne entgegen. Erhobenen Hauptes, ohne sich zu verbergen- anders als jene, die die Stadt preisgegeben haben. Denn sie flohen nicht, sie verrieten nichts, hofften schon gar nicht und erlaubten sich nicht zu träumen..."
Die durch Uwe Jordan sehr lebendig gelesenen Abschnitte machten neugierig auf das Gesamtwerk, Lesen also unbedingt angesagt.

 

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