Die Berliner Schauspielerin Ines Burdow gestaltet eine Lesung aus den Erinnerungen der Amerikanerin Edith Anderson

Erstellt: Sonntag, 11. März 2018 Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 15. März 2018 Geschrieben von Martin Schmidt

Die Matinee „Liebe im Exil“ mahnte zur Freiheit für die Künste

Inés Burdow liest "Liebe im Exil" von Edith Anderson Die jüngste Matinee des Hoyerswerdaer Kunstvereins am Sonntag, dem 11. März 2018, stellte die Erinnerungen „Liebe im Exil“ der US-Amerikanerin Edith Anderson (1915 -1999) vor. Sie erschienen 1999 in englischer und 2007 deutscher Sprache. Die Autorin hatte 1937 ihr Studium als Lehrerin für Englisch an der Columbia-Universität New York abgeschlossen, 1943 den deutschen Emigranten Max Schroeder kennen gelernt und 1944 geheiratet. Max Schroeder kehrte 1946 nach Deutschland zurück und wurde der Mitgründer und Cheflektor des Aufbau Verlags in Berlin. Im Jahr 1947 folgte seine Frau ihm, 1948 wurde ihre Tochter Cornelia geboren. Die Umstellung der jungen Frau auf die Verhältnisse im vom Krieg zerstörten Deutschland schildert Edith Anderson eindrücklich in dem Buch. Mit einigen Szenen aus jener Zeit der Ankunft in Berlin begann Ines Burdow, die Berliner Schauspielerin und seit vielen Jahren Gesprächspartnerin des Kunstvereins, ihre Lesung aus den Erinnerungen der jungen Frau, die sich die Folgen der selbstverschuldeten Zerstörung Berlins nicht vorstellen konnten, während die Älteren der Zuhörer stumm die Köpfe senkten. Das Buch umfasst nur die Jahre bis 1958, zum Tod Max Schroeders. Berichte von Begegnungen mit deutschen Künstlern, die aus der Emigration zurückkehrten, auf Neubeginn in Freiheit hofften, sich aber den Formen des sogenannten Personenkults um Stalin gegenüber sahen und deren Verhalten von dieser Verzerrung geistiger Entfaltung geprägt wurde, schildert Edith Anderson bedrückt und entsetzt. Durch ihren Mann begegnete sie im wichtigsten Verlag Ostdeutschlands den geistigen Vertretern, die aus dem Exil zurück kamen und auf das Erscheinen ihrer Bücher und ihr Mitwirken am geistigen Klima des Landes hofften. Der Gegensatz und das Mißtrauen gegenüber den „Ost-„ und den „Westemigranten“ belastete zusätzlich das geistige Klima. Edith Anderson, wir eine dritte Kategorie „Emigrantin in der DDR“. In ihrem Buch beschreibt sie die Hoffnung auf Erfolg und das Erstarren derselben und die Enttäuschung. Vor allem als sich – durch den Tod Heinrich Manns - die Hoffnung zerschlug, dass er als Präsident der Akademie der Künste die Tradition freien Geistes befördern könnte, beschreibt sie seltsame charakterliche Verzerrungen. Da mochte manchem Zuhörer das heute angebrachte Lachen im Halse ersticken, für die Zeitgenossen war es gelegentlich bedrückend, dass andere Autoren dies bisher verschwiegen hatten. Ines Burdow lockerte das Zuhören durch Tonband-Zitate, die beispielsweise Tochter Cornelia las oder andere Partner. Nicht nur der Amerikanerin erschienen die Beobachtungen an anderen Berufskollegen seltsam. Sie zeigten beginnende Einsamkeit freier Geister oder Unterordnen unter in die geistige Enge eines Partei-Schematismus. (Nach Gründung der DDR wurden beide noch stärker, wohl auch routinierter. Selbst nach dem XX-Parteitag der KPdSU und der Verurteilung Stalins nahmen sie zu, wie der Wolfgang Harich-Prozess zeigte. Da Max Schroeder erkrankte und dann starb, blieb er von der Verurteilung verschont, die seinen Kollegen der Leitung des Aufbau-Verlages mehrere Jahre Haft in Bautzen bescherte.) Das Buch erinnert auch an das Verhindern der Faust-Oper des Komponisten Hanns Eisler an, der daran zerbrach. Umso wichtiger war es, zu erleben, wie später - trotz mancher Repression - eine junge Künstlergeneration ihre Stimme erhob. Man denke an Christa Wolf, Volker Braun, Brigitte Reimann, Kito Lorenc, Sarah Kirsch, Reiner Kunze, Wolf Biermann und deren Generation. Ein neues Kapitel der Literaturgeschichte begann. An diesem Vormittag konnten die Literaturfreunde die schweren Anfänge östlich der Elbe erleben, das oft zu wenig geschätzt wird, und nun das Wachsen neuer künstlerischer Geister bewundern. Ines Burdow sei Dank: Offenheit sei die Losung der Zukunft. 

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