Eine Laudatio für Martin Schmidt zum 80. Geburtstag

Erstellt: Dienstag, 07. November 2017 Zuletzt aktualisiert: Dienstag, 07. November 2017 Geschrieben von Ingrid Scholz, Barbara Kegel, Christine Neudeck

Für Martin Schmidt zum 80.Geburtstag

Martin und Helene Schmidt, 28.10.2017, am 80. Geburtstag von Martin Schmidt

 

 

 

 

 

 

Ingrid Scholz Beitrag von Ingrid Scholz

Lieber Martin,
Deine Freunde vom Hoyerswerdaer Kunstverein wollen Dir zu Deinem Ehrentag eine kleine kulturelle Würdigung erweisen.
Mein Part ist die Zusammenfassung unserer gemeinsamen Zeit mit Dir – eine Erinnerung in großen Zügen. Immerhin handelt es sich um fast 50 Jahre, angefüllt mit unterschiedlichsten Ereignissen und viel Arbeit.
Als wir Dich 1968 kennenlernten, warst Du gerade dabei, den Freundeskreis der Literatur und Künste herauszubilden – eine Gruppe im Kulturbund Hoyerswerda mit Sitz im Otto-Grotewohl-Club im WK6.
Man fragt sich, wie das alles funktionierte ohne Vereinsrecht, Satzungen usw.
Entscheidend war wohl Deine Vision, in dieser Wohnstadt etwas zu schaffen, das außer Arbeiten und Wohnen das Leben der Menschen bereichern kann.
Damals war der Altersdurchschnitt in Hoyerswerda unter 30 Jahre. Es gelang Dir schnell, Mitstreiter zu finden, die halfen, Deine Idee mit Leben zu erfüllen.
Schnell nahm das Programm feste Konturen an.
Da entstand die Kleine Galerie mit 6 Ausstellungen der bildenden Künste pro Jahr, musikalisch umrahmt durch Lehrer und Schüler der Musikschule und mit von Deiner Frau Helene ausgewählten Gedichten. Meist waren auch die Künstler persönlich anwesend, und es kam zu regen Gesprächen, und mancher von uns wurde zu einem kleinen Grafiksammler.
Auch die gemeinsamen Besuche von Kunstausstellungen gehörten zu unserem Programm. Ein weiterer Komplex war die Literatur. Prominente Schriftsteller wie Christa und Gerhard Wolf, Christoph Hein und Armin Stolper waren bei uns, stellten ihre neuesten Werke vor und stellten sich unseren Fragen und Meinungen.
Die für Hoyerswerda bedeutsame Brigitte Reimann - werden wir noch gesondert behandeln. Ganz wichtig war auch der Slawist Ralf Schröder, ein bemerkenswerter Vermittler der Sowjetliteratur, der unsere Sicht auf die Welt wesentlich bereicherte.
Die dritte Säule war das Theater.
Enge Kontakte gab es zum Theater Senftenberg und dem Deutschen Theater Berlin. Unvergessliche Erlebnisse verbinden sich mit unseren Theaterbesuchen. Wir sahen z.B-den legendären Wolfgang Heinz als Nathan, Aufführungen wie „Der Drache“ von Jewgeni Schwarz, und erlebten bekannte Schauspieler wie Inge Keller, Dieter Mann, Ulrich Mühe, Eberhard Esche, Dieter Franke, Jutta Wachowiak u.a. hautnah auch in Hoyerswerda.
Die Nähe zu Senftenberg kam neben den Erwachsenen vor allem auch vielen Hoyerswerdaer Kindern zugute. Ganze Schulklassen wurden mit Bussen nach Senftenberg gefahren und kehrten begeistert von ihren Theatererlebnissen zurück. 
Endlos müsste ich noch erzählen, von Veranstaltungen zur Architektur, Musik,-die engen Kontakte zur Weltbühne, viele Feiern im Olympia und über gemeinsame Reisen nach Leningrad und Prag. Wenn es auch immer aktive Unterstützer gab, so wäre das alles doch nicht denkbar gewesen ohne Dich, lieber Martin und Deine Frau Helene. Wie Ihr diese vielen Ereignisse organisiert habt, welche Kontakte Ihr dafür geknüpft und nachhaltig gepflegt habt und wie Ihr die Finanzierung sicherstelltet, verdient noch heute uneingeschränkte Bewunderung.
Beide wart Ihr angetreten, Menschen anzuregen. Im Ergebnis habt Ihr Lebensqualität für Hoyerswerda geschaffen und Bedürfnisse im Umgang mit Kunst und Kultur geweckt.
Dass diese auch nach dem Ende der DDR weiterleben, ist wieder Euch Beiden besonders zu danken.
Aus dem Freundeskreis wurde der Hoyerswerdaer Kunstverein. Das Konzept des Vereins hat sich nicht wesentlich verändert, wurde aber um wichtige Punkte erweitert und auch den Gegebenheiten angepasst. Ab 1990 kamen neue Vereinsmitglieder hinzu, auch jüngere. Die neue Vielfalt kann man heute in unserer Homepage nachvollziehen. So entstanden die Vortragszyklen „Grenzgänge“ und „Grenzgänger“, und es gibt eine Reihe neuer Referenten wie den Hoyerswerdaer Journalisten Uwe Jordan, die wir immer wieder gern empfangen. Besonders erwähnen möchte ich unseren Freundeskreis Hoyerswerda-Rotterdam, der seit 1990 besteht. Von 1990 bis heute entwickelte sich eine enge Freundschaft, die durch jährliche gegenseitige Besuche erhalten und vertieft wurde. Bemühung um gegenseitiges Verständnis, gemeinsame Erlebnisse und Freude im Umgang miteinander sind das Fundament dafür.
Lieber Martin, ich könnte noch endlos in Erinnerungen schwelgen, schließe aber einfach ab mit dem Dank von uns allen dafür, dass durch Dich unser Leben spürbar bereichert wurde. Wir wünschen Dir noch lange viel Kraft und Ideen für unseren Kunstverein und die Stadt Hoyerswerda.
Dein Wunsch zum Geburtstag war eine Spende für die Reimann-Begegnungsstätte und den Hoyerswerdaer Kunstverein. Dem wollen wir gern nachkommen. Einen Teil der Spende haben wir bereits materialisiert. Wir stellten fest, mit Dir ist ein Teil unserer Mitglieder und Gäste ebenfalls älter geworden. Das bedeutet, dass die Stimme nicht mehr so klar und deutlich ist wie vor 50 Jahren und auch das Gehör bei einigen schon eingeschränkt ist. Damit wird oft der Wert unserer tollen Veranstaltungen beeinträchtigt. Deswegen haben wir einen Teil der Spende zur Anschaffung einer Lautsprecheranlage verwendet. Ihren Probelauf kannst Du gerade erleben. Wir hoffen, Du freust Dich darüber, zumal immer noch eine beachtliche Spende in bar übrig ist. 
Im Namen von uns allen alles Gute für Dich und Helene, Deine Freunde vom Kunstverein.



Barbara Kegel Beitrag von Barbara Kegel

Ich bin das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge, wie man in Deutschland sagt bzw. das Mädchen mit dem blauen Band, so nennt man mich in Holland. Gemalt hat mich Vermeer van Delft um 1665. Im Mauritiushaus in Den Haag ist jetzt ein Bilderrahmen leer, denn ich bin herabgestiegen um heut nach HY zu kommen, Dir Herr Martin zu Deinem 80. Geburtstag zu gratulieren. Ich bin das Lieblingsbild von Brigitte Reimann und Irmgard Weinhofen. Zwei Frauen, die seit ihrer Jugend eine innige tiefe Freundschaft verband. Viele Briefe und Tagebuchaufzeichnungen sprechen davon. 1948 lernten sie sich kennen und beide liebten Kunst, Literatur und Musik sehr. Irmchen Weinhofen hat mein Bild auch heut noch in ihrer Wohnung in Berlin hängen. Zu Beginn der 60er Jahre zog I. W. mit ihrem holländischen Ehemann in sein Heimatland und sie wohnten in Amsterdam. So blieb B. R. und I W. nur der briefliche Kontakt bzw. gelegentliche Treffen in Berlin. B.R. war es verwehrt in das westliche Ausland zu reisen, und so blieb ihr und I.W. Wunsch unerfüllt, einmal gemeinsam „… die Buntheit dieser Stadt Amsterdam zu erleben und aus dem Trödel auf dem Waterlooplain einen echten Rembrandt hervorzukramen.“ – so auch von Franziska Linkerhand im gleichnamigen Roman von B.R. ersehnt.
B.R. liebte ebenso wie I.W. das sogenannte Goldene Zeitalter (hauptsächlich 17. Jh.) der Niederlande bezüglich der Malerei. Sie liebten beide die Alten Meister und tauschten sich darüber in ihren Briefen aus. B.R. lebte 10 Jahre in HY und prägte diese junge im Entstehen befindliche Stadt mit. Sie war eine sehr leidenschaftliche, emotionale Frau. Schon 1950 schrieb sie: „Vielleicht ist die Kunst das einzig wirklich Gute der Menschheit. Musik, Malerei, Dichtung – das sind die drei Einflüsse, die vielleicht wirklich am meisten einen gewöhnlichen Sterblichen verändern.“ („Aber wir schaffen es, verlass dich drauf“. 1.11.1950, S. 80 ff.) Bereits als Abiturienten vertrat sie diese idealistische Meinung und bewahrten sich diese ihr kurzes Leben lang. „Sie wünschte sich einen solchen Umgang mit der Kunst in der ganzen Gesellschaft und setzte sich dafür aufopferungsvoll ein. Ihr waren auch immer Lesungen und Gespräche ganz wichtig.“Sie pflegte viele Freundschaften u.a. auch mit Maler Dressler und seiner Familie aus Spremberg. Sie hatten ihre Freitag – Abend- Treffs, wo sie gemeinsam Jazz-Schallplatten hörten, sich Krimis anschauten und viel über Kunst und Politik diskutierten. Ihre Leidenschaft für das Leben und für die Kunst ist immer wieder in ihren Briefen an I.W. zu spüren und zu lesen, bzw. in ihren Tagebüchern festgehalten. Einmal hatte sie im Schriftstellerheim bei Berlin eine Begegnung mit einem Afrikaner aus Angola, der Gedichte aus einer afrikanischen Anthologie las, und sie sagte: „… herrliche Verse von einer Leidenschaft und einem Zauber, gegen die unsere „weißen“ intellektuell gefärbten Gedichte wie fade Milchsuppe schmecken.“ Die Polin Sonja Marchlewska übersetzte damals. 
Oder z.B. 1968 sah sie sich einen Film über Renoir an und schrieb dazu auf „Ich war bis zu Tränen erschüttert von den Bildern, den Bäumen wie auf Bildern von Courbet, von der Szene: Der alte Mann mit dem Ziegenbock, mythologische Figur in einer realen, zugleich utopischen Welt, der Sturm, die Panflöte, süß, wild, heidnisch; die Bilder, in die ein Liebesakt umgesetzt wird; Wasser, Strudel, sturmbewegte Büsche und Bäume, dass gewellte Bockshaar, Fell wie Mädchenhaar, unvergesslich, wie der Zauber-Mistral das „Frühstück im Grünen“ wegreißt, darüber immer die Musik des großen Pan“ (Debussy ?)
Brigitte Reimann, sie lebte ihr Leben voller Leidenschaft mit allen Höhen und Tiefen. Leider war es ihr nicht vergönnt auch einen Blick auf die andere Seite der Mauer zu werfen. Die Berichte der Freundin Irmgard Weinhofen bedeuteten für B.R. jedoch sehr viel, sie bekam damit einen Blick in die Welt, die ihr nicht zugänglich war. 
Lieber Herr Martin, Deinem Engagement und das Deiner lieben Frau Helene an Deiner Seite ist es zu danken, dass das Andenken an B.R. in unserer Stadt erhalten bleibt und auch weiteren Generationen bekanntgemacht wird, so wie es auch mit den „Alten Meistern“ geschieht. So wünsche ich Dir und Deiner Frau Helene noch viele Jahre Gesundheit und Schaffenskraft zum Wohle der kulturellen Vielfalt dieser Stadt.
Und nun begebe ich mich wieder zurück in meinen Rahmen in das Mauritiushaus in Den Haag, damit mich noch viele Menschen ansehen können.


Christine Neudeck Beitrag von Christine Neudeck, alias Brigitte Reimann

Lieber Martin, liebe Helene,
wie Ihr seht, bin ich weiß geworden wie meine Freundin Irmgard Weinhofen auch und heute ist ein würdiger Anlass, einmal Danke-schön zu sagen.
Ich darf doch "DU" sagen?, nachdem wir uns schon so lange kennen und Ihr mein geistiges Erbe angetreten habt. Dieses verwaltet Ihr nicht nur, sondern Ihr lebt es so, als weilte ich noch unter Euch. Seit vielen Jahren geht Ihr mit mir einmal im Monat, von meinem Wohnhaus in der Liselotte-Herrmann-Straße beginnend durch die Neustadt, bei schönem Wetter auch bis in die Altstadt, auf einen Reimann- Spaziergang.
Schade, dass ich diese Nähe nur noch aus der Ferne erleben kann. Aber glaube mir, lieber Martin, dieses Engagement fordert sogar meinen Nachbarn im Künstlerhimmel, Rudolf Hamburger und Richard Paulick, den allergrößten Respekt ab, da Du sie auch regelmäßig bei Deinen Spaziergängen voll Bewunderung erwähnst.
Ich muss Dir überhaupt noch etwas Wichtiges mit auf den Weg geben, Du brauchst nicht schamvoll zu verschweigen, dass ich neben meinen vier Ehemännern auch noch eine Menge andere Männer liebte, genau so leidenschaftlich, wie alles in meinem Leben. Ich brauchte diese Inspiration, ich musste immer fühlen, wenn ich schrieb. Und wenn ich schrieb, blieb die wirkliche Welt draußen.
Meine vier Ehemänner gehörten natürlich in erster Linie zu den Ideengebern.
Der erste Ehemann Günter, Ihr kennt Ihn als "Wolf" aus der "Franziska Linkerhand" inspirierte mich weniger durch seinen Intellekt, als eben durch seinen Familienclan, der bei unserer Scheidung das Sagen hatte, ihm verdanke ich eine Szene aus meinem Roman:

  • Sie schrubbten ihre Schuhe auf der Fußmatte ab und drängten ins Zimmer, die Schwester voran, Onkel Paul hinterher. Franziska, in ihrem roten Samtsessel starrte sie ausdruckslos an.
  • „Wir kommen die Sachen holen.“
  • „Was für Sachen?“ fragte Franziska, sie versuchte Miene und Haltung der Großen Alten Dame zu kopieren; (Die Alte Dame ist meine rheinische Großmutter, von der ich einige extravagante Geschichten in Szene gesetzt habe), ... Franziska also versuchte die Alte Dame zu kopieren, ihre eisige Höflichkeit, konnte aber der Exß-Familie nicht imponieren, schon gar nicht der Dicken, die sich auf einmal gesetzeskundig zeigte. „Mich ledert‘s hin! Welche Sachen? Geteilt muss werden, das sollst du doch wissen, gebildet wie du bist.“
  • „Bitte, bedient euch“, sagte sie mit einer Miene, einer Handbewegung, die die Schwester in Wut versetzte. „Nur nicht so von oben herab, mein Fräulein… “ Franziska grinste, sie hatte die dicke Henne geärgert, das versüßte ihr die Kapitulation vor dem Exß-Clan. 

Mein zweiter Ehemann im, Buch "Daniel", im Leben Siegfried Pitschmann, war ein vorzüglicher Partner, ich bedaure sehr, dass ich ihn irgendwann gegen "Jon oder auch Ben genannt" eintauschte. Ich glaube, es lag daran, dass sich bei uns ein Alltag eingestellt hatte, der mich nicht mehr herausforderte, außerdem machte ihn mein früher Erfolg wohl kleinmütig. Umso mehr freut es mich, dass Ihr dafür gesorgt habt, dass die Plakette des Hauses in der Herrmann-Straße ebenso an ihn erinnert wie an mich. Und dass sein Schreibtisch heute in der Begegnungsstätte steht, die Du extra für mich eingerichtet hast, das heißt eigentlich für alle, die meine Bücher kennen lernen wollen, einfach gewaltig. 
Und nach jedem Reimann-Spaziergang sehe ich dort viele Leute sitzen, aus dem In- und Ausland, wenn es auch manchmal ein bisschen eng wird, die Dir, Martin und Helene und Angela zuhören. Sie hören dann auch die Geschichte, wie wir uns kennen lernten, also Siegfried Pitschmann und ich: Das war 1958 im Schriftstellerheim in Petzow, wo man ohnehin der Meinung war, dass dieses Frauenzimmer (und da meinten sie mich) das ganze Haus zu Dummheiten verführt.
In meiner "Ankunft im Alltag" habe ich die Szene so geschildert:

  • In Petzow gab es einen einzigen Salon mit einem einzigen Radio. Eines Tages hatte ich mit meinen mich umschwärmenden Schriftstellerkollegen schon etwas getrunken und wir wollten zu flotten Jazz-Melodien im Salon tanzen, aber das Radio war durch den "Neuen" in Beschlag genommen, der langweilige klassische Musik hörte. Wir waren glatt in der Überzahl, da sollte doch wohl ein wenig Tanzmusik nicht zu viel verlangt sein.Doch Dan sagte ganz einfach: Das ist Beethoven, meine Dame, gespielt von Yehudi Menuhin. Das hat mich so berührt, dass wir den Salon leise verließen. 

Bei Siegfried Pitschmann liest es sich ein bisschen anders, da bin ich die Angebetete:

  • Sie stand da, mit ihrem Ellenbogen auf dem Klavierrand, und sah ihn an. Sie sah seine Hände an. Sie trug Gummizeug und unförmige Gummistiefel, und ihr Gesicht, eingeklemmt zwischen dem hochgeklappten Kragen und dem grauen Kopftuch, wirkte jetzt aus der Nähe gar nicht grau. Sie bewegte sich nicht. Unter dem Kopftuch sah er, ... ein paar Haarsträhnen, sie waren bläulich schwarz und hingen bis auf die Brauen herunter ... es war die verrückteste Farbe, die ich jemals gesehen habe. Die Brauen standen flach und schwarz in dicken verkürzten Bögen. Ich würde dich Barbarenmädchen nennen, dachte er. Aber wir sprechen ja nicht miteinander. Das Mädchen sah ihm zu, er spürte ihren Blick... und während er sich die zärtlichsten Triller und gewagtesten Kadenzen für sie ausdachte, gestand er sich ein, dass er die ganze Zeit nur für sie gespielt hatte.

Welche Liebeserklärung an mich! Es tut mir noch immer unendlich leid um Dich, Dan, der Du meiner 1973 in einem Nachruf gedachtest: ... "ihr viel zu kurzes Leben erscheint mir als ein dauernder Wechsel von Abfahrt und Ankunft, bezahlt mit Leiden und großer Produktivität."
Das Kapitel Ben, das meines dritten Ehemanns, Hans Kerschek, ist für mich noch immer das schmerzlichste, wenn ich es auch nicht missen möchte, wie fast alles in meinem Leben, denn Ben faszinierte mich durch seinen Zynismus, durch seine Arroganz gegenüber allem und jedem. Für Ihn schrieb ich fast wie besessen die "Franziska Linkerhand", das heißt, am Ende nicht mehr für ihn. Ich habe lange gebraucht, bis ich nach seinem Verrat wieder schreiben konnte, ich wusste nicht mehr, ob ich ein Scheinleben lebe, dass nur in meinem Roman existiert. 
In Neubrandenburg war meine Ahnung zur Gewissheit geworden, dass Ben nicht kommen würde und als ich erfuhr, dass es eine Frau gibt, die ein Kind von ihm erwartet, war ich am Boden zerstört, zumal mich zu dieser Zeit der Krebs ohnehin schon mächtig im Griff hatte. Die Wirklichkeit war schlimmer, als man denken kann, alles ist zusammengebrochen, drei Tage lang habe ich geschrien und geweint vor Schmerz. Das Schlimmste aber war, nun musste ich mir einen neuen Ben für meine Franziska "erschreiben". Doch woher die Inspiration nehmen?
Ein bisschen hat es mir die letzten Tage in Hoyerswerda versüßt, dass ich Euch und Euren Freundeskreis kennen lernen durfte, da war aber leider alles schon für Neubrandenburg in die Wege geleitet, eigentlich schade um diese verpasste Chance.
Die Zuwendung, die ich von Dir und von Helene während meiner Krankheit erfuhr, tröstete mich ein wenig über manches hinweg, Besonders tröstlich aber waren die Besuche von Christa Wolf, die sich als aufrichtige Freundin erwies, ich kann nachfühlen, wie ihr nach 1990 zumute war und hätte sie gern gegen die unflätigen Anschuldigungen in Schutz genommen, denn unflätig, das könnte ich auch!
Neubrandenburg, meine neue Heimat, war auch der Ort des Lebens mit Ehemann Nummer 4, dem Mecklenburger Bär, Rudi B. Diese Ehe betrachteten viele als unsinnig, aber glaubt mir, ich brauchte einen starken Mann, der mich umsorgte, von dem ich Morphium bekam, wenn ich es nicht mehr aushielt, der mich trug, wenn ich nicht laufen konnte. Wenn er nur nicht so viel mit seinen Ärzten gesoffen hätte! 
Dass er mit meinem Nachlass nicht so pfleglich umgegangen ist, wie es nötig gewesen wäre, verzeiht es ihm, er kann's nicht besser. 
Doch zum Glück, gibt es Hoyerswerda und Euch. Dort erfährt mein Erbe so große Aufmerksamkeit wie ich es niemals erwartet hätte. Neben den erwähnten Spaziergängen und der Eröffnung meiner Begegnungsstätte hast Du noch andere Highlights initiiert. 
Die Oper "Linkerhand" von Moritz Eggert brachte für mich einen Höhepunkt in Eurer schönen Lausitzhalle, an deren Bau ich auch einen klitzekleinen Anteil habe, gleich gegenüber von meinem Warenhauses und einer Bummelmeile, die ich mir so gewünscht hatte. Gern würde ich mit Dir, Martin, heute dort einen Kaffee trinken. 
Doch zurück zu meiner Oper, da gab es gleich zwei Schauspielerinnen, die meine Rolle spielten. Und der anschließende große Bahnhof mit hundert Gästen, darunter meine beiden Brüder und ihre Frauen! Ich glaube, die beiden, die mich immer ein bisschen für spinnert hielten, waren dieses Mal äußerst stolz auf mich. 
Selbst das Theater Senftenberg hat mir ein Schauspiel gewidmet mit seinem Intendanten Sewan Latschinian, der auch meine Begegnungsstätte initiiert und eröffnet hat. Ein toller Typ - die Inkarnation von Inspiration!
Zudem, lieber Martin, hast Du einen Reimann Wettbewerb für junge Leute auf den Weg gebracht und da habe ich viele schöne Talente aufblitzen sehen, vielleicht ist eines dabei, wie damals der kleine Volker Braun, der bei mir im Zirkel schreibender Arbeiter lernte. 
Das sichtbarste Zeichen in Eurer Stadt für mich ist die Skulptur, die mein Namensvetter Thomas Reimann geschaffen hat. Gefällt mir recht gut. Mein schöner langer Zopf wurde wie in früheren Zeiten in Szene gesetzt, außerdem sieht es so aus, als ob ich in meinem Zimmer auf meinem Teppich liege und gerade Chopin oder Schubert oder die laszive Musik von Debussy höre, "am Nachmittag eines Fauns, ich bin zu Tränen gerührt von den Bildern, den Bäumen… den Szenen… Wasser, Strudel, sturmbewegte Büsche und Bäume, das gewellte Bockshaar, Fell wie ein Mädchenhaar… unendlich schön ..."
Apropos Wasser: Die schönen Wasserbecken mit den Sätzen von mir, sollten vielleicht öfter gereinigt werden!
Eingeweiht wurde das Denkzeichen an meinem 80. Geburtstag. Du hast dafür gesorgt, dass trotz Unwetter alles noch rechtzeitig fertig wurde. Und was war das für ein großer Auflauf! Sogar der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, fand sehr anerkennende, nette Wort für mich, ich wurde ganz rot vor Stolz. Glaube mir, Macht ist erotisch, das habe ich schon früher am Tisch von Walter Ulbricht gefühlt, wenn der Mann nur nicht so klein gewesen wäre und nicht diesen fürchterlichen Dialekt gesprochen hätte und mir, was die die Freiheit in einem Land und in der Literatur betrifft, mehr zugehört hätte und die schöne alte Pauliner Kirche nicht abgerissen hätte - glaub mir, ich hätte ihm in meiner Linkerhand ein Denkmal gesetzt. 
Meine Freundin Irmchen war an diesem Tag mit ihrem herrlichen Lachen selbstverständlich auch zu hören, wie bei allen Deinen anderen Events auch. Noch nimmer erstaunlich wach, die Gute. Und grüßt mir Amsterdam, falls Ihr wieder einmal hinkommt, mir war es leider nicht mehr vergönnt. 
Drum lass mich heute auf Deinen Geburtstag mit Dir anstoßen, doch sei vorsichtig, meine Stärke neben der Schriftstellerei, ist auch die Trinkfestigkeit, an mir ist in dieser Disziplin noch jeder Mann gescheitert... allerdings, es gibt Ausnahmen, im herrlichen Sibirien fand ich unter den vielen Koljas und Saschas und Martschuks auch Ebenbürtige.
Oh! Ich glaube, ich habe mich ein wenig verplaudert, obwohl noch nicht einmal alles gesagt ist. Aber so ist das, für mich spielt Zeit keine Rolle mehr. In diesem Sinne! Eure Brigitte.

 

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