Uwe Jordan liest von Günter Grass "Im Krebsgang" beim Hoyerswerdaer Kunstverein.

Erstellt: Donnerstag, 19. Oktober 2017 Zuletzt aktualisiert: Freitag, 27. Oktober 2017 Geschrieben von Christine Neudeck

Verstörend aktuell

Uwe Jordan liest von Günter Grass (1927-2015) "Im Krebsgang" beim Hoyerswerdaer Kunstverein.

Uwe Jordan "Im Krebsgang von Günter Grass beim Hoyerswerdaer Kunstverein 2017 In der Novelle "Im Krebsgang" (veröffentllicht 2002) lässt Günter Grass den Ich-Erzähler Paul Pokriefke seine Geschichte und die seiner Zeit quasi im Krebsgang erzählen, er bewegt sich vor, zur Seite und zurück, ein Wechselspiel von Vergangenheit und Gegenwart in einem berührenden literarischen Raum. Chancen für eine menschenfreundliche Zukunft? Äußerst gering, wenn nicht gar Null.
Doch der Reihe nach. Ein denkwürdiges Datum für alle Beteiligten ist der 30. Januar. Im Jahr 1945 wurde Paul Pokriefke geboren, als die "Wilhelm Gustloff", von Torpedos getroffen, unterging und seine Mutter als Flüchtling auf demselben nur bis Kolberg kam und diese Stadt sein Geburtsort wurde. Auf den Tag genau nur 12 Jahre früher, im Jahr 1933, wurde Hitler von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt und an ebendiesem Datum, nur diesmal 50 Jahre früher, wurde im Jahr 1895 Wilhelm Gustloff in Schwerin geboren. Mehr Zufall geht nicht.
Die Fabel der Novelle ist schnell erzählt: Der besagte Wilhelm Gustloff wächst in Schwerin auf, ein Lungenleiden kuriert er im schweizerischen Davos. In der neuen Partei Adolf Hitlers macht er Karriere und steigt zu einem erfolgreichen Leiter der Auslandorganisation der NSDAP in der Schweiz auf. Im Februar 1936 wird er in seinem nunmehrigen Wohnort Davos von dem jüdischen Studenten David Frankfurter erschossen. Dieser wollte ein Zeichen dafür setzen, dass sich Juden wehren sollen. Doch das genaue Gegenteil tritt ein, Wilhelm Gustloff wird zum Märtyrer und Blutzeugen stilisiert, seine Beisetzung in Schwerin findet im Beisein von Adolf Hitler mit großem Pomp statt und auf dessen Wunsch wird das neue Kreuzfahrtschiff der Organisation Kraft durch Freude auf "Wilhelm Gustloff" getauft. Doch aus dem Luxusdampfer wird im Januar 1945 ein Kriegs- und Flüchtlingsschiff. Drei Torpedos, abgeschossen von dem sowjetischen U-Boot S13 unter dem Kommando von Alexander Marinesko, einer nicht unbedingt integeren Person der sowjetischen Marine, treffen das Schiff tödlich. Es sterben, je nach Quelle, zwischen 7000 und 9000 Menschen. Zu den Geretteten zählt Ursula Pokriefke, die an besagtem Tag den Sohn Paul im damaligen Kolberg zur Welt bringt. Ursula Pokriefke, genannt Tulla, wurde Mutter mit 17 und ihr Haar an diesem Tag schlohweiß. Sie wohnt nun in Schwerin, wird Stalin-Verehrerin und hört nicht auf, in ihrem Danziger Dialekt von der Fahrt ihrer Eltern mit dem Kreuzfahrtschiff "Gustlloff" nach Norwegen zu schwärmen. Ihren Sohn Paul schickt sie noch vor dem Mauerbau nach Westdeutschland, damit er etwas Ordentliches wird. Das wird in ihren Augen aber erst der Enkelsohn Konrad, der sich nun brennend für die Ereignisse des 30. Januar 1945 interessiert, aber in seinem Leben in einem Wirrwarr der Gefühle keinen Halt findet zwischen Gut und Böse.
In Ost und West hatte sich der Umgang mit dieser größten Schiffskatastrophe aller Zeiten zwiespältig gestaltet, die einen schwiegen, weil die Fragen nach der Schuld zu viele Peinlichkeiten offen gelegt hätten, die anderen, weil sie dem sowjetischen Regime freundschaftlich verbunden sein mussten. 
Für Uwe Jordan ist "Der Krebsgang" von Günter Grass ein wichtiges Stück in seinem Kanon der Weltliteratur, woraus er für diesen Abend markante Kapitel ausgewählt hatte. Als überaus lebendig empfindet er auch die Art, wie Günter Grass erzählt, jeder Handlungsstrang wird mit unzähligen Informationen vor und zurück bereichert und jede Zeit in den ihr eigenen Sprachwendungen charakterisiert, die Zeit des Nationalsozialismus, in der Wilhelm Gustloff lebt, mit "bedingungsloser Gefolgschaft" für den Führer, "Entbieten" des letzten Grußes für den "Blutzeugen" Wilhelm Gustloff, "Die Fahne hoch..." und so weiter und so weiter. Da unser Paul Pokriefke bei seiner Mutter Tulla im Schwerin der Nachkriegszeit aufwächst, fehlen auch die Parolen der DDR-Propaganda nicht. Alles flimmert wie in einem Spiegel, der die Geschehnisse aus unterschiedlichen Zeiten und Regionen nebeneinander widergibt und die dem Leser ein Hin- und Her-Bewegen wie in einem Chatroom gestatten. Diese Räume des Internet werden bei Grass zur Informationsquelle, aber auch zum Raum des Entsetzens: "...denn seit die "Gustloff" im Cyberspace schwimmt und virtuelle Wellen macht, bleibt die rechte Szene mit Hassseiten online. Dort ist die Jagd auf Juden eröffnet. Als wäre der Mord von Davos gestern geschehen, fordern Rechtsradikale auf ihrer Website Rache für Wilhelm Gustloff. Die schärfsten Töne kommen aus Amerika und Kanada. Aber auch im deutschsprachigen Raum mehren sich die Homepages, die im World Wide Web ... ihrem Hass Auslauf geben."
Verstörend aktuell, heute mehr denn im Jahr 2002. Man erstarrt förmlich, wenn man die Schlusssätze liest, die keinerlei Hoffnung zulassen, so, als ob die gesamte Menschheit sich nur im Krebsgang bewegen könnte: Das hört nicht auf. Nie hört das auf.

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