Sabine Wolf stellt die von ihr herausgegebenen Briefe von Christa Wolf vor.

Erstellt: Donnerstag, 29. Juni 2017 Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 05. Juli 2017 Geschrieben von Christine Neudeck

Wird es eine Briefliteratur über unsere Zeit geben?

Sabine Wolf, stellvertretende Direktorin des Archiv der Akademie der Künste, Berlin, stellt die von ihr herausgegebenen Briefe von Christa Wolf (1929-2011) beim Hoyerswerdaer Kunstverein vor.

Sabine Wolf (Bildmitte) beim Hoyerswerdaer Kunstverein in ungewohnter Umgebung im Zoo-Restaurant. 2016 erscheint ein Buch mit dem Titel "Christa Wolf -Man steht sehr bequem zwischen allen Fronten, Briefe von 1952-2011" - 483 Briefe ausgewählt aus 15 Tausend. Unglaublich, dass ein Schriftsteller so viele Briefe schreibt und ebenfalls kaum zu glauben, dass ein Editor, in unserem Fall Sabine Wolf, innerhalb kürzester Frist diese alle gelesen, die Antwortbriefe der Briefpartner ebenfalls, und zum Schluss, nach zeitraubenden Recherchen noch unendlich viele Fußnoten und Querverbindungen hinzugefügt hat.
Sabine Wolf, nur zufällig namensgleich mit Christa Wolf, hat diese Mammut-Arbeit neben ihrer Tätigkeit als Vizedirektorin im Archiv der Akademie der Künste, geleistet, auch mit Zutun ihres Mannes, Heiner Wolf, ohne dessen Hilfe sie das Projekt nach eigener Aussage nicht geschafft hätte.
Die Auswahl von nur wenigen Briefen aus dieser enormen Fülle stellte eine weitere Hürde dar. Es ist Sabine Wolf gelungen, Christa Wolf in all ihren Facetten sichtbar werden zu lassen, der Leser erlebt sie als junge selbstbewusste Journalistin und Kritikerin, als junge Frau und Mutter, als eine Autorin, die jeden Leserbrief akribisch beantwortet, auch als Parteigenossin, die ihre Meinung konsequent vertritt und viele Zweifel anmerkt. Wir erleben sie als eine Schriftstellerin, die ihren Briefeschreibern zuhört, die spürt, was den anderen bewegt, sie macht Mut, dass andere an sich glauben.
Besonders umfangreiche Briefwechsel führte Christa Wolf mit Sarah Kirsch, Franz Fühmann, Lew Kopelew, Günter der Bruyn und Brigitte Reimann. Diese Briefe erstaunen in ihrer individuellen Hinwendung an jeden ganz persönlich, in denen sie sich mit echter Freude über großartige Leistungen des anderen freuen kann. Eine bewundernswerte Haltung.
Alle aber haben ein gemeinsames Anliegen, nur dem inneren dichterischen Trieb zu folgen und keiner Staatsdoktrin. "Versucht mit Leuten, die Euch sowieso das Wort im Mund rumdrehen, nicht zu diskutieren, sucht dafür die selteneren aufrichtigen Diskussionen", schreibt sie 1963 an Sarah und Rainer Kirsch. Ihre Bewunderung für das Gedicht "Engel" von Sarah Kirsch kann man in einem Brief von 1966 nachlesen und erlebt auch eine durchaus humoristische Seite von Christa Wolf: Wie das mit Sarahs Engel wirklich gewesen ist. Das Vorbild stand "in Potsdam, wo Engel am häufigsten auftreten... auf dem Hof eines Antiquitätenladens. Er muss früher mit Segnen beschäftigt gewesen sein, jetzt machte er mehr einen arbeitslosen Eindruck. Vor allem musste er lange nichts Engelhaftes gedacht haben, sein Gesicht schien mir unbenützt...".
Was in Hoyerwerda natürlich besonders interessiert, ist der Briefwechsel mit Brigitte Reimann, der bereits 1993 von Angela Drescher veröffentlicht wurde, die natürlich auch zu den Briefpartnern von Christa Wolf gehörte. Im gleichen Jahr schreibt Christa Wolf an Martin Schmidt: "...aber nun zeigt er (der Briefwechsel) doch, wie unser alltägliches Leben war, nicht nur schlimm, nicht nur unter Druck... Brigitte wäre jetzt so wichtig für mich, in ihr war nicht ein Fünkchen Selbstgerechtigkeit und Neid oder gar Zerstörungslust, aber viel Hingabefähigkeit... viel Wissen um sich selbst, was den meisten Pauschalanklägern ja fehlt."
An Anklägern fehlte es Christa Wolf nach der Wende wahrhaftig nicht, oftmals von einflussreichen Persönlichkeiten beschimpft, die kein einziges Buch von ihr gelesen hatten, die nur wussten, dass sie als junge Frau mit der Stasi zu tun hatte und dass ihr in der DDR das Privileg der Reisefreiheit gewährt wurde. Ihre Briefe aus der Zeit nach 1989 zeugen sehr schmerzlich von Ohnmacht, Enttäuschung und manchmal Wut, die ihrem Wesen bisher fremd war. Mit Brigitte Reimann (1933-1973) hätte sie vielleicht hilfreiche Debatten führen können?
Auf das Vorlesen der Briefe an Brigitte Reimann konnte Sabine Wolf getrost verzichten, da sie diese in Hoyerswerda als bekannt voraussetzte..
Nicht zuletzt las sie einen der wenigen Briefe an den Ehemann, Gerhard Wolf, vor, in dem Christa Wolf bedauert: "Es gibt fast keinen Brief von Dir an mich, von mir an Dich. Können wir uns etwas schreiben - oder sagen -, was wir nicht voneinander wissen? ...dass ich ohne dich nicht die werden konnte, die ich sein sollte".
Hochachtung für das umfangreiche, akribische Wirken von Sabine Wolf, die uns Christa Wolf als Mensch und Dichterin sehr nahe gebracht hat, eine Schriftstellerpersönlichkeit, auf die selbst in vollem Umfang auch das zutrifft, was sie über Brigitte Reimann zu Selbstgerechtigkeit, Neid und Hingabefähigkeit geschrieben hat. Der Briefwechsel zwischen diesen beiden Autorinnen erfolgte auf Augenhöhe, die eine tiefgründig und abwägend, die andere sinnlich und leidenschaftlich, einander die wahrhaftesten Kritikerinnen.
Christa Wolf hatte befürchtet, dass es über "unsere Zeit keine Briefliteratur mehr geben wird". Das Gegenteil scheint mehr als bewiesen, in einem Netzwerk von Briefen mit anspruchsvollen Literaten in der ganzen Welt und mit einem wahren Fundus zu Literatur und spannendem Zeitgeschehen. Danke an Sabine Wolf.

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