Matinee mit Ines Burdow über den Briefwechsel von Christa Wolf

Erstellt: Sonntag, 05. Juni 2016 Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 09. Juni 2016 Geschrieben von Christine Neudeck

Christa Wolf, ihr Leben im Spiegel von Briefen 

Ines Burdow liest beim Hoyerswerdaer Kunstverein 2016 Die Schauspielerin und Dramaturgin Ines Burdow gestaltet eine Matinee zu Christa Wolf (1929-2011).

Ein Mensch, dem man alles sagen kann und man weiß es bewahrt. Dieser Mensch ist Christa Wolf in den Augen von Brigitte Reimann und sicher auch in den Augen von Franz Fühmann und im Gedächtnis ihrer vielen anderen Briefpartner.
Ines Burdow hat ein eindrucksvolles Programm aus dem Briefwechsel von Christa Wolf zusammengestellt und beim Hoyerswerdaer Kunstverein im Rahmen einer Matinee schauspielerisch vorzüglich vorgetragen. In ihren Briefen lernt man Christa Wolf anders kennen als in ihren Romanen und Erzählungen. Während ihre Bücher von einer immerwährenden, eher verstandesmäßigen Suche nach Wahrheiten künden, sind ihre Briefe voller persönlicher Hinwendung zu ihrem Gegenüber. Man spürt förmlich, wie intensiv sie anderen zuhören kann und wie sie sich auf die privaten und gesellschaftspolitischen Sorgen der anderen einlässt, selbst kaum Tröstendes einfordert, aber viel Aufmunterndes weitergibt.
Besonders persönlich der Briefwechsel mit Brigitte Reimann, hier werden Männergeschichten erzählt und belacht, es wird über Kindererziehung und Krankheiten debattiert und nicht zuletzt werden gegenseitig die Bücher rezensiert, sehr offen und trotz aller kritischen Äußerungen sehr feinfühlig. Brigitte Reimann bewundert an Christa Wolf ihren Intellekt, ihren klaren, geschliffenen Stil, Christa Wolf hingegen an Brigitte Reimann ihre fast ins Uferlose wuchernden Emotionen, die sie zu dämpfen versucht, die aber wiederum, das erkennt sie neidlos an, die Ines Burdow war schon mit vielen Lesungen im Schloss Hoyerswerda zu Gast und sie wird sicher auch wiederkommen. Bücher der Reimann so lebendig machen. Ein bisschen Austausch über die Großstadt Berlin und das Provinznest Hoyerswerda, Austausch über das Öde der Tagungen des Schriftstellerverbandes und über Filme und Bücher, die verboten werden oder entstellt, weil sie der allmächtigen Zensur der Partei unterworfen sind. Macht es Sinn, trotzdem weiter zu schreiben?
Diese Polemik ist besonders intensiv in einem sehr freien Briefwechsel mit Franz Fühmann zu hören. Erörtert und verurteilt wird der Umgang der Deutschen Demokratischen Republik mit Wolf Biermann, mit Sarah Kirsch, später auch mit Stefan Heym. Von Ines Burdow ausgewählt auch ein Brief an das Präsidium des Schriftstellverbandes, im dem Christa Wolf ihren Austritt aus dem Präsidium erklärt und ein Brief an Erich Honecker mit der dringlichen Bitte um Freilassung der im Zusammenhang mit der Biermann-Affäre verhafteten Jugendlichen. Ein schönes Beispiel ihrer gleichen Sicht auf die Dinge der Welt, besonders auf den Umgang mit Wolf Biermann und anderen unliebsamen Schriftstellern ist ein Gedicht, das Christa Wolf in einem ihrer Briefe begann "Im neblichten Monat November war´s... da wurde eine Affaire zur Staatsaktion aus Furcht vor Trauer und Liebe... Monsieur, wir sehen uns wieder". Franz Fühmann antwortete "... nicht, was man vertritt, darauf kommt´s nicht an, nur dass man oben sich halte, und wechselt er Meinungen auch wie sein Hemd, Monsieur ist immer der alte." Beide kommen am Ende zu dem Schluss, lass uns weitermachen gegen Hass und Unverständnis, lass uns nicht verhärten oder verbittern oder vertrauern. Sie wollen beide nicht weg, jetzt am wenigsten.
Viele Anstöße gab Ines Burdow zum Nachlesen in den genannten Büchern, zum Nachlesen über dieses Land zwischen Utopie und Enttäuschung und darüber, was wichtig ist zu schreiben, gestern wie heute.

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