Kunstverein hält Hoyerswerdas Geschichte lebendig - Das Leben des Richard Böttge

Erstellt: Mittwoch, 29. Juni 2016 Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 29. Juni 2016 Geschrieben von Katrin Demczenko

Kunstverein hält Hoyerswerdas Geschichte lebendig

Dr. Horst Böttge (Mitte) im Gespräch mit den Zuhörern der Lesung Der Hoyerswerdaer Kunstverein stellt auf seinen Veranstaltungen im Schloss nicht nur Schriftsteller und Künstler vor, er hält auch immer wieder die Geschichte der Stadt lebendig. Das letzte Gespräch am Kamin vor der Sommerpause widmete sich der Lebensleistung des 2015 verstorbenen Ingenieurs Richard Böttge. Dessen ungewöhnliche Lebensgeschichte stellte Dr. Horst Böttge vor, der sie mit seinem Bruder in dem Buch "Drangsaliert und dekoriert - Von der Kunst des Überlebens in der DDR" festgehalten hat. Der Tatsachenbericht entstand auf Basis persönlicher und betrieblicher Unterlagen sowie der 400seitigen Stasiakte von Richard Böttge 

Als schüchterner 16jähriger Schlosserlehrling an der Berufschule Laubusch hatte er am 12. Januar 1951 ein Lenin-Bild im Rahmen eines spontanen Protestes der Jugendlichen gegen den Leiter des dortigen Jugendheims verunstaltet. Der Junge geriet daraufhin in die Fänge der Stasi und wurde von einem sowjetischen Militärgericht wegen "antisowjetischer Hetze" zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. "Mein Bruder war nun verschollen", sagte Dr. Horst Böttge. Er las vor, dass Richard Böttge in Hoyerswerda und Dresden oft verhört wurde und mit anderen Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen in einem Keller vegetierte. Erst am 18. März 1951 durfte er die Familie auf einer 15zeiligen Karte darüber informieren, dass er im "Gelben Elend" Bautzen für zehn Jahre einsaß. Stalins Tod 1953 sorgte für seine Amnestierung, die ihm und vielen anderen politischen Häftlingen 1954 die Freiheit wiederbrachte. Nun endlich schloss der Zwanzigjährige seine Schlosserlehre mit sehr guten Leistungen ab, wofür ihn die FDJ belobigte. Ein Studium an der Bergingenieurschule Senftenberg folgte, berichtete Dr. Horst Böttge.
1960 baute Richard Böttge mit seinen Kollegen die größte Fernheizleitung Mitteleuropas vom Gaskombinat Schwarze Pumpe nach Hoyerswerda-Neustadt auf und leitete ihren Betrieb bis zu seinem Renteneintritt 1995. Das große Ziel der kontinuierlichen Fernwärmeversorgung der rasant wachsenden Neustadt konnte trotz ständiger Materialengpässe erreicht werden, die Anlagen liefen jedoch ohne Reserve, berichtete der Geschäftsführer der Versorgungsbetriebe Hoyerswerda Steffen Grigas. Er begann seinen Berufsweg 1981 bei der Energieversorgung Cottbus unter Richard Böttge, den er als engagierten, geradlinigen Chef erlebte und später als Freund gewann.
Der fachlich versierte Ingenieur bekam während der DDR-Zeit oft staatliche Auszeichnungen für seine Arbeit, die Stasi versuchte aber auch mehrfach durch Intrigen, ihm Handlungen gegen die Volkswirtschaft anzuhängen, erzählte Dr. Horst Böttge. Ziel der Aktionen war, Richard Böttge als Leiter abzulösen, denn er war nicht in der SED und hatte Verwandte in der BRD, erklärte Dr. Horst Böttge. Sein Bruder wurde 1998 von Moskau rehabilitiert und sprach ab 2002 mehrfach vor sächsischen Schülern über sein Leben in der DDR.
Die Veranstaltung in Hoyerswerda war sehr gut besucht von Richard Böttges ehemaligen Mitarbeitern und Freunden, wozu auch Hans Stephan gehörte. Er erzählte vom "Gemeinschaftswerk Fernwärme, das ein unpolitischer Haufen leistete". Es zählte nur die gute Arbeit zum Nutzen der Hoyerswerdaer, sagte der Ingenieur, der aufforderte, "vor dem Menschen und Kollegen Böttge den Hut zu ziehen".
Katrin Demczenko/dcz1

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