Barbara Kegel - ein Porträt

Erstellt: Dienstag, 08. Juli 2014 Zuletzt aktualisiert: Freitag, 25. Juli 2014 Geschrieben von Andreas Kirschke

Immer nah am Menschen bleiben

Barbara Kegels Stärke ist das Zuhören. Besinnlich beginnt sie ihr Tagwerk. Aus dem Radio klingt klassische Musik. „Ich brauche das am Morgen“, meint die 70jährige Bernsdorferin. Seit langem engagiert sie sich für die Frauenarbeit in der Evangelischen Kirche im Raum Hoyerswerda. Im Martin-Luther-King-Haus der Stadt gehörte sie viele Jahre zum „lebenden Inventar“. Bei ihr als Sekretärin liefen Organisati-onsfäden zusammen. 
In Löbau wuchs die gebürtige Herrnhuterin auf. Vater Joseph (katholisch) stammte aus Oberschlesien. Der gelernte Bäcker baute später das Gaskombinat Schwarze Pumpe mit auf. Als Kraftfahrer schaffte er mit dem Dumper Baumaterial heran. So entstand die Spreetaler Brücke. Mutter Elsa (evangelisch) hatte Textilverkäuferin gelernt. „Später war sie für uns vier Kinder Hausfrau“, erzählt Barbara Kegel. „Trotz der Enge, trotz der Entbehrungen, trotz der Knappheit, trotz der Armut kurz nach dem Krieg verlebte ich eine glückliche Kindheit. Vater reparierte an den Wochenenden in der Nachbarschaft Autos. Ein Kriegskamerad betrieb dort in Löbau eine Ross-Schlächterei. Das war unser Glück. So kamen wir immer zu Wurst….“ Löbau wuchs ihr ans Herz. Sie bewunderte den gusseisernen Turm. Oft wanderte sie mit den Eltern und Geschwistern in den Wald. Vom „Honigbrunnen“ ging es zum „Geldkeller“. Von jenem Felsmassiv künden noch heute geheimnisvolle Sagen. „Meine Großmutter mütterlicherseits, Martha Röthig, lebte den Glauben vor. Sie hat mit uns gebetet und viel gesungen“, sagt Barbara Kegel. Bedingt durch Vaters Arbeit in Schwarze Pumpe zog die Familie 1957 nach Ho-yerswerda. Trüb, neblig und regnerisch war der Tag der Ankunft. Barbara Kegel weinte. „Hier in Hoyerswerda bleibe ich nie“, entfuhr es ihr. Sie hing an ihrer Heimatstadt Löbau. Doch dann kam es anders. In der Musikschule lernte sie ihren Mann Manfred (74) kennen. Vorgeprägt durch Eltern und Schule fand sie auch in Hoyerswerda durch Helene und Martin Schmidt zur Kultur. Nach und nach gewann sie Freunde. „Diese Menschlichkeit, diese Ehrenamtlichkeit, dieser Kulturenthusiasmus brachten mir die Stadt näher“, erzählt sie. „Wir fanden zum Freundeskreis der Künste und Literatur. Dafür bin ich bis heute dankbar.“
Barbara Kegel bei der Pflege des Gartens Aufbruchstimmung erlebte sie damals in Hoyerswerda. Die zweite sozialistische Wohnstadt wurde aus dem Boden gestampft. Block für Block entstand. Die SED begeisterte die Jugend. Auch Barbara Kegel gehörte zu den Jungen Pionieren und zur Freien Deutschen Jugend. 
Durch die Eltern ihres Mannes und durch die Taufe ihres Sohnes Andreas fand sie zum Glauben zurück. Damals zog Pfarrer Otto Freyer nach Hoyerswerda. Er war als Pfarrer für die Neustadt entsandt. „Zu uns nach Hause kam er zum Bibel-Lesen“, sagt Barbara Kegel. Im Gaskombinat Schwarze Pumpe lernte sie Industriekauffrau. Nach der Lehre arbeitete sie dort ein Jahr im Lohnbüro. Bedingt durch die Kinder hörte sie auf. Pfarrer Otto Freyer holte sie ins King-Haus als Sekretärin. 1966-1991 war sie dort „Mädchen für alles“. Sie verantwortete Buchführung, Organisation der Kreise und Organisation der Veranstaltungen. Als das King-haus saniert werden musste wegen aufsteigender Nässe, versorgte sie spontan die Bauarbeiter mit Essen. „Otto Freyer hat mich geprägt. Er ermutigte mich zur Selbständigkeit. Er ermunterte mich, kritisch mitzudenken“, sagt Barbara Kegel. „Er nahm mir die Angst vor Fehlern. Immer meinte er: ´Fehler sind dazu da, dass sie gemacht werden.´“ Mit Walter Przygoda, Helge Pätzold, Sieghard Fischer und anderen engagierte sich Barbara Kegel in der Evangelischen Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt in der Gemeindeleitung. Gemeinsam mit dem Pfarrer wurden wichtige Entscheidungen beraten und beschlossen. „Geprägt hat mich auch Pastorin Renate Salinger, heute im Ruhestand“, meint Barbara Kegel dankbar. „Sie war in den 1980er Jahren Frauen-Pfarrerin für das gesamte Görlitzer Kirchengebiet. Sie war eine starke Streiterin für die Gleichberechtigung der Frauen in unserer Kirche. Sie organisierte die jährlichen Zurüstungen. Diese sollten die Frauen anleiten und zugleich ermutigen sich zu engagieren. Üblich war oft, dass Frauen zwar Dienste in der Kirche leisten, doch stets die Männer die Leitung innehatten….“ 
Bei einer Zurüstung fragte Barbara Kegel sehr tief nach dem Sinn ihres eigenen Lebens. Renate Salingers Antwort verblüffte sie. „Sie sind in Herrnhut geboren. Sie leben in der Hut des Herrn. Und genau deshalb gehen Sie diesen Weg mit Gott“, erwiderte die Pfarrerin. Barbara Kegel hat das damals tief bewegt. Bis kurz nach der Wende engagierte sie sich in der Kreissynode. Sie engagierte sich zugleich in der Provinzialsynode. Seit 1975 war sie im Kirchenkreis Hoyerswerda ehrenamtliche Verantwortliche für die Evangelische Frauenarbeit. Hier engagierte sich vor allem für die Rüstzeiten. Im Martin-Luther-King-Haus rief sie mit Irene Hoffmann und anderen den „Kreis interessierter Frauen“ ins Leben. Das war Ende der 1980er Jahre. 
Seit 1995 organisierte Barbara Kegel im Kinghaus mit anderen das Frauen-Frühstück. Hier ging es um Bibelarbeit und geistliche Inhalte. Der Kreis öffnete sich allen Generationen und Konfessionen. Barbara Kegel organisierte die Termine. Einrichtungen wie das Bildungswerk für Kommunalpolitik und die Verbraucherzentrale stellten sich vor. Pfarrerin Antje Kruse-Michel erläuterte im Januar die jeweilige Jahreslosung. „Immer gab es ein Thema. Immer gab es einen tieferen geistlichen Anspruch“, meint Barbara Kegel aus heutiger Sicht dankbar. „Wir begannen stets mit einer kleinen Andacht. Die Gemeinschaft war wichtig. Denn Glauben ist keine Privatsache. Lebendiger Glaube braucht das gemeinsame Singen, Beten, Hören und Freuen.“ Manche Frauen, die der Gemeinde fernstanden, fanden so wieder zum Glauben zurück. 
Stark am Herzen lag Barbara Kegel der Weltgebetstag. Viele Jahre be-reitete sie ihn im King-Haus mit vor. Sie spürte die Verbundenheit mit den Christinnen in aller Welt. Sie begeisterte sich für das soziale Anlie-gen des Tages. Schließlich kommt jedes Jahr die Kollekte Frauenprojekten in aller Welt zugute. In Hoyerswerda engagierte sich Barbara Kegel seit 1990 auch als Stadträtin und wurde Mitglied der CDU. Von 1990 bis 1996 leitete sie den CDU-Stadtverband. „Damals sagte ich mir: entweder du machst das mit ganzem Herzen oder gar nicht“, erzählt sie.
Herzlich wurde sie jetzt im Martin-Luther-Kinghaus aus der ehrenamtli-chen Frauenarbeit verabschiedet. In Bernsdorf, wo sie mit ihrem Mann seit 1996 lebt, engagiert sie sich noch immer vielfältig. Heute ist sie in Evangelischen Kirchengemeinde Bernsdorf verantwortlich für die Frau-enhilfe, den Frühstückskreis für alle, den Weltgebetstag, den Miriams-gottesdienst und die Christmette Heilig Abend 23 Uhr. Ab und an hält sie auch einen Lesegottesdienst. Für ihre Verdienste in der ehrenamtlichen Arbeit der Evangelischen Kirche erhielt Barbara Kegel 2005 in Berlin die Paul-Gerhard-Medaille. 
Seit einigen Jahren engagiert sie sich als ehrenamtliche Richterin im Sozialgericht Dresden sowie als Mitglied im Kunstverein Hoyerswerda und im Bildungswerk für Kommunalpolitik Sachsen. Seit 2013 ist sie Lese-Mentorin für eine Schülerin in der Grundschule Bernsdorf. „Mein Leben ist sehr bewegend. Ohne den starken Glauben wäre all dies nicht möglich“, unterstreicht sie. „Er ist der Grundstein für alles Handeln.“ Junge Frauen, so Barbara Kegel, sind heute offener und selbstbewusster als früher. Doch oft scheuen sie Verantwortung. „Sie sollten sich ins Gemeindeleben einmischen und ehrenamtlich einbrin-gen. Wir brauchen Frauen, die Verantwortung übernehmen“, sagt Barbara Kegel. Ihre Hoffnung ist, dass engagierte Kräfte nachwachsen und die jetzige Kreis-Frauenpfarrerin Antje Kruse-Michel entlasten. Diese würdigte die Bernsdorferin zur Verabschiedung am 15. Juni im King-Haus herzlich: „Barbara Kegel hat viel bewegt. Vor allem hat sie uns Frauen bewegt und ermutigt. Dafür bin ich unendlich dankbar.“ 
Mit freundlicher Genehmigung des Autors, Andreas Kirschke. 
Zugriffe: 2328